Sonntag, 25. August 2019

Hamburg 2019 - Meine Hamburgensien Teil 2: Schul- und andere Wege



Hansastrasse 17
Kommt man nach vielen Jahren in seine Geburtsstadt zurück, zieht es einen immer zu den Orten der Kindheit und Jugend. Bei mir ist es das Gebiet um die Rothenbaumchaussee, den Mittelweg und die Universität am Grindel, denn hier bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen.

Erstaunlicherweise steht das alte Haus noch, in dem meine Eltern und wir seit den 1950er Jahren gewohnt haben - und heute noch meine Schwester lebt. Auch das Cafe "Funk-Eck" mit seiner schönen Terrasse lädt mit dem leicht angestaubten Charme eines Lokals für anständige (s-t bitte aussprechen) Hamburger. Seinen Namen hat
das Cafe nicht ohne Grund, denn nur wenige hundert Meter entfernt befindet sich der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Oft konnte man früher hier Leute treffen, die dort arbeiteten oder zu tun hatten. Während das Fernsehen heute in Lokstedt angesiedelt ist, befinden sich die Radio-Redaktionen und Studios immer noch an der Rothenbaumchaussee.

Das Haus wurde Anfang der 1950 Jahre gebaut, für die Zeit der Trümmer und Notunterkünfte modern und komfortabel. Es hatte bereits Aufzug und eine Garage. Letztere wurde aber nicht ausgeschachtet, sondern ebenerdig gebaut, das Haus danach oben drüber gebaut - so wirkt es heute mit seinen Stufen wie aufgebockt - an Behinderte dachte damals niemand. Die Wohnung mit etwa 60m² waren sehr modern, hatten ein eigenes Bad mit Badewanne und Boiler sowie eine kleine Küche. Unverwechselbar machen das Haus die Laubengänge, was für uns bedeutete, dass die Nachbarn immer an unseren Fenstern vorbeigehen mussten, um ihre Wohnungen zu betreten. Da hatte man vor allem Nachts das Gefühl, dass jemand durch das Zimmer geht.

Im Cafe Funkeck verbrachte mein Vater viel Zeit und ließ auch viel Geld dort - zum Unwillen meiner Mutter. Oft holten wir Kuchen aus der zum Cafe gehörenden Konditorei, die in den 60ern dem damaligen Innungschef der Hamburger Bäcker gehörte. Ich erinnere mich noch gut an die schwer alkoholisierten Rumkugeln sowie den Pflaumenkuchen den die ältere Dame hinter dem Tresen uns einpackte, manchmal gab sie auch ein Stück umsonst - Ehre ihres Andenkens. Das 'Funk Eck' sieht heute fast noch genauso aus wie in seiner Hochzeit der sechziger und siebziger Jahre.

Funk-Eck 2019
28.5. 1965
Das Größte Eregnis für Hamburg, neben der Sturmflut 1962, war am 28. Mai 1965 der Besuch der britischen Königin Elisabeth II.  Sie beendete hier ihre Deutschlandreise und kam in einem offenen Wagen vom Dammtor die Rothenbaumchaussee entlang Richtung Klosterstern. Auf den Straßen warteten schon am Vormittag tausende Hamburger und jubelten ihr zu. Nur ich nicht, da mich meine kleine Fotokamera beschäftigte. Ich wollte unbedingt die Queen ablichten - mein Pech, sie fuhr zu schnell und ich knipste zu langsam. Aber zwei britische Marineoffiziere, die vor dem Cafe standen, konnte ich wenigstens aufnehmen. Schon bemerkenswert, dieselben älteren Leute, die 1965 der Queen zujubelten, hatten 20 Jahre zuvor "Sieg Heil" und "Wir fahren gegen Engeland" skandiert. Churchill sagte einst: "Man hat die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen." Kein Kommentar.




Heute wirkt das Haus in der Hansastrasse innen runtergekommen, es gehört immer noch einer Versicherung, die kassiert aber wenig investiert. Deshalb ist auch wohl das alte Treppengeländer noch erhalten - Fifties original!

Das Grundstück müsste mittlerweile im Wert ungeheuer gestiegen sein, gehört das Viertel in Alsternähe doch zu den begehrten Stadtteilen. Hundert Meter entfernt gab es in der Hansastrasse eine kleine Ladenzeile, hier residierte ein Händler für Orient-Teppiche, ein Gemüseladen und ein Lebensmittelgeschäft versorgten die Anwohner und eine Drogerie befand sich neben einer Eck-Kneipe. Beim Lebensmittelladen brachte in den 60igern noch ein junger Mann den Leuten die Einkäufe nach Hause. Gegenüber gab es einen Schlachter und den brachte meine Mutter einmal fast um den Verstand, als sie einen Ochsenschwanz kaufen wollte. Sie hatte als Französin ihre eigene Vorstellung von der Deutschen Sprache und forderte den Schwanz von Kuh sein Mann, sein Onkel - nun ja, schlussendlich bekam sie das Gewünschte. Heute dagegen: Keine Geschäfte, ein Kinderhort und ein Immobilienhai haben die Läden belegt - Tristesse statt Nachbarschaft.

Die 'braune' Vergangenheit war damals an vielen Ecken noch präsent. So kam ich einmal vom Spielen nach Hause und berichtete meinem Vater, dass auf einem Telefon-Verteilerkasten in unserer Straße noch der Nazi-Adler mitsamt Hakenkreuz prangte. Eigentlich nicht verwunderlich, stand doch damals noch an der Autobahnauffahrt Richtung Lübeck: "Reichsautobahn". Mein Vater nahm sich jedeenfalls der Sache an und die Tür aus Großdeutscher Zeit wurde ausgetauscht.

Hallerstrasse heute
Damals verkehrte noch auf der kopfsteingepflasterten Rothenbaumchaussee die Straßenbahnlinie zum
Rathausmarkt. Auch eine U-Bahnhaltestelle (Hallerstraße) bot eine gute Verbindung in die City. Seit einigen Jahren wird über eine Neuauflage der Straßenbahn diskutiert - na wenigstens haben sie die U-Bahn nicht auch abgeschafft. Bei meiner Ankunft am Abend kam ich am beleuchteten Schaufenster des Buchladens am Rothenbaum vorbei. Es gab ihn dort schon während meiner Schulzeit - ich habe mich gefreut. Auf meinem damaligen Schulweg zur Volksschule am Turmweg, die ich ab 1960 besuchte, kam
...es gibt den Buchladen immer noch!
ich immer am HSV-Stadion vorbei. In den Pausen konnten wir vom Schulhof am Zaun die Kicker trainieren sehen - Uwe Seeler oder Charly Dörfel.

Hinter unserer Schwimmhalle und neben dem Stadion stand ein bedrohlich wirkender Hochbunker, der während des Zweiten Weltkrieges als Wehrmachts-Kommandozentrale genutzt worden war. Hier hatte sich mein Vater https://1913familienalbum.blogspot.com/2014/04/erinnerung-karl-heinz-ressing.html - so erzählte er jedenfalls später einmal - im Mai 1945, wenige Tage vor der Übergabe der Stadt an die britischen Truppen, selber aus der Wehrmacht entlassen. Im damaligen Chaos des Untergangs des Dritten Reiches habe er sich ein Formular samt Wehrmachtsstempel geschnappt und dann aus dem Wehrdienst entlassen - hätte man ihn dabei erwischt, wäre das sein Ende gewesen.

HSV-Platz und Hochbunker anno 46
All das gibt es heute nicht mehr, der Bunker abgerissen und durch ein verspiegeltes Bürohaus ersetzt in dem ein Kommerz-TV-Sender heute  sitzt. Der HSV-Platz, 1911 eingeweiht mit rund 30 000 Plätzen, erlebte 1989 sein letztes Punktspiel, dann verrottete er und wurde 1997 für die Bebauung freigegeben. Heute stehen hier eng verschachtelte Eigentumswohnungen. Nur meine Schule am Turmweg befindet sich immer noch am selben Platz, allerdings wurde mir der Zutritt

verwehrt. Brav wie ich bin, suchte ich das Schulbüro auf um zu fragen, ob ich einmal rumlaufen dürfe. Aber die beiden Bürodamen am Tresen wanden sich wie Aale in der Reuse, ob das ginge und fotografieren ja schon gar nicht und da müssten sie die Leiterin fragen. Da half auch nicht meine Bitte, dass ich hier 1960 eingeschult worden war. Na dann eben nicht, ich wolle ja keine Schulkrise auslösen und ging - aber meinen Sarkasmus in der Stimme haben die beiden Bürokratinnen eh nicht verstanden - soll doch Heines Geist über sie kommen. Nun ja, wäre ich einfach schnurstracks hineingegangen - keiner hätte mich daran gehindert. Schade, so konnte ich also hier nicht meinen Erinnerungen nachhängen und musste andernorts auf Spurensuche gehen.


Der Tag war regnerisch, auf dem Turmweg war wieder Wochenmarkt, ihn kannte ich schon
aus meiner Schulzeit. Damals gab es hier 'normale' Gemüsestände, heute stehen ausgewählte Delikatessen-Wagen hier - nun ja, die Gegend ist halt 'fein' geworden. Aber beim Imbiss gab es immer noch die kleinen gebratenen Würstchen - dafür hatte mir meine Mutter an jedem Markttag 1 DM mitgegeben, die ich nach Schulschluss dort umsetzte. Hallo Kinderzeit!

Am Ende des Turmwegs steht immer noch die neogotisch erebaute evangelische Backsteinkirche St.Johannis. Hier haben sich 1949 mein Vater und meine Mutter trauen lassen - dabei war sie eigentlich Katholisch - aber Religion spielte in unserer Familie nie ein Rolle. Hier wurde ich einst auch konfirmiert - erinnere mich heute noch an die verlorene Zeit beim wöchentlichen Konfer-Unterricht im neben der Kirche gelegenen Gemeindehaus. Ein gegen Katholiken eifernder, dem Alkohol nicht abgeneigter  Pastor schulte uns für die öffentliche Prüfung - jeder musste Antworten auf fünf Fragen auswendig lernen. Damit war das ganze also nur ein Schauspiel für die Gäste - gläubig wurde ich so jedenfalls nicht - gut so.
Weil Markttag war, hatte die Kirche geöffnet und so ging ich in Erinnerung an die Konfirmation das Kirchenschiff herauf und herunter. Immer noch ein kühler und irgendwie abweisender Ort.

Heutige Musikhochschule
Im Regen begab ich mich danach auf weitere Spurensuche nach Pöseldorf. Einstmals ein Viertel mit Handwerkern und einfachen Bewohnern, die in und neben angejahrten Stadtvillen wohnten, mutierte es Mitte der 1970er Jahre zum Szenetreff der Reichen und Schönen der Hansestadt. Die Handwerker verschwanden, dafür kamen Boutiquen und Szeneläden - Pösel- wurde zum Schnöseldorf. Aber die Gegend hatte auch eine dunkle Vergangenheit, als Jugendlicher entdeckte ich beim rumstromern einen düsteren Tiefbunker hinter der heutigen Musikhochschule. Heute ist er mit Büschen überwachsen, es war der 'Kampfstand' des NS-Gauleiters Kaufmann. Er hatte sich die einst einer jüdischen Familie gehörende Villa, in der heute die Musikschule ihren Sitz hat, nach 1933 angeignet. Während des Krieges saßen hier die Nazi-Bonzen in Sicherheit, während Hamburg 1943 im Feuersturm unterging. Als ich jetzt das Gelände betrat, folgte mir der kritische Blick eines älteren Herren, der auf dem daneben liegenden Parkplatz sein Instrument aus dem Auto lud. Ich erklärte ihm die Geschichte des Bunkers: "Davon habe ich gar nichts gewusst", sagte er erstaunt. Nun ja, mit unangenehmen Teilen der eigenen Geschichte haben sich die Hamburger ja oft schwer getan.


Nur etwa einhundert Meter entfernt, in der Magdalenenstraße 21, wohnte nach dem Krieg meine deutsche Großmutter. Die Gegend hatte keine größeren Bombenschäden erlitten, obwohl hier Militärisches Sperrgebiet der Wehrmacht gewesen war. So quartierten sich nach Kriegsende hier mein Vater und seine Schwester samt zwei Kindern ein, zwei Jahre später kam meine Mutter aus Frankreich hinzu. Sie lebten hier auf beengtem Raum und außerdem trafen sich regelmäßig einige junge Leute zu Diskussionsrunden, denn mein Vater leitete damals die Jugendzeitschrift 'Benjamin'. Er wollte der von den Nazis enttäuschten Jugend ein Forum bieten und so trafen sich einige von ihnen 1946 regelmäßig auf Omas-Kanapee. Einer darunter war der junge Ralph Giordano - der sich viele Jahre später noch noch gut daran erinnerte.
Ralph Giordano (Mitte) 1946

Trotz jetzt strömendem Regen lief ich weiter durch die Gegend - und ließ mich stoisch durchweichen. Mein Weg führte mich in die Feldbrunnenstraße zu meinem alten Kindergarten - der immer noch existiert. Es muss Anfang der 1960er Jahre gewesen sein, da gab es im Nachbarhaus einen ziemlichen Presserummel. Dort befand sich eine Privatklinik und hierher war Uwe Seeler nach seiner Verletzung der Achilles-Sehne gekommen, um sich auszukurieren. Gesehen habe ich ihn damals leider nicht.
Nach diesem Abstecher bahnte ich mir den Weg durch den Regen zu der Straße, die bis heute die für mich schönste in Hamburg ist: 
Heimhuder Straße. Dieser von alten Bäumen überwachsene Boulevard führt vom Turmweg bis hinunter zur Moorweide - inmitten allen Verkehrstrubels eine grüne Oase. Dazu kommt, dass sich hier einst das Büro meines Vater befand. Er war in den 1960ern Herausgeber eines Fachdienstes: "Funk Fernsehen Film - fff-press". Eine Etage tiefer befand sich das renommierte Hans-Bredow-Institut - das beste Archiv zur Rundfunkgeschichte in Deutschland. Die Firma meines Vaters verschwand Mitte der 1960er Jahre, das Bredow-Institut blieb erhalten - ich selbst habe dort als Student noch Veranstaltungen besucht.

Ziemlich überrascht stand ich jetzt vor der alten Villa, die man den 60er Jahren mit gelbem Klinker verunstaltet hatte.
Erst auf den zweiten Blick erkannte ich das Gebäude wieder,
Einst FFF-Press und Bredow-Institut
es gehört jetzt anscheinend wohlhabenden Eigentümern. Das Institut residiert mittlerweile in der Rothenbaumchausse, gegenüber dem Curio-Haus. Wäre ich nicht schon so pudelnass gewesen, ich hätte wahrscheinlich eine Träne fallen lassen....

Von hier aus waren es nur ein paar Schritte zur Moorweide und zum Dammtorbahnhof. Was für Erinnerungen verbinden mich mit diesem Platz, im Sommer traf man sich zum Kicken auf der großen Wiese. Als Jugendlicher besuchte ich gerne das Amerika-Haus, an dessen Platz sich heute ein minderschönes Hotel für gehobene Stände befindet. Das Amerikahaus hatte eine tolle Bibliothek, die ich Ende der 1960er Jahre gerne aufsuchte - gab es hier doch Bildbände mit alten Fotografien aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) und Aufnahmen der Prärie-Indianer. Dazu konnte man Schallplatten mit alten Gesängen der Indianer oder den Blues der Schwarzen hören. Später erkannte man das Amerika-Haus daran, dass es immer mit Absperrgittern der Polizei umgeben war - eine Folge der US-Politik in Vietnam und anderswo.

Die Moorweide war immer wieder Versammlungsort der verschiedensten Demonstrationen - meine erste erlebte ich als Schüler Ende der 1960er, da gingen wir und die Lehrer gemeinsam gegen den 'Bildungsnotstand' auf die Straße. Später war die Moorweide vor allem wegen der Proteste gegen Atomernergie der große Versammlungsort - inclusive diverser Polizeieinsätze..... Nun ja, lange her und heute war es ruhig und nass - also macht ich mich in Richtung Innenstadt auf den Weg, denn langsam kam die Sonne heraus - aber darüber berichte ich ein anderes mal.....

Freitag, 23. August 2019

Hamburg 2019 - Meine Hamburgensien * Teil 1: St.Pauli und sein FC


Anno 1844 reiste Heinrich Heine von Paris nach Hamburg - damals entstand "Deutschland ein Wintermärchen". Nach einigen Gläsern Wein begegnet dem angesäuselten Dichter Hamburgs Schutzgöttin: Hammonia - sie begrüßt ihn freundlich: "Willkommen an der Elbe, Nach dreizehnjähriger Abwesenheit - Ich sehe, du bist noch derselbe!" 

Ich besuche meine Heimatstadt nach zehn Jahren erstmals wieder - gefühlt eine Ewigkeit. Frage mich: bin ich noch derselbe?  Erkenne ich die Stadt wieder? Finde ich was von mir? Wie wirken die Veränderungen auf mich? Ich hatte schon etwas Angst vor der Begegnung mit der Stadt und meiner eigenen Geschichte.... Da ich beileibe kein Dichter bin, kann ich hier nur in prosa meine Eindrücke schildern - und meine Gefühle.

Was macht ein Fan des FC.St Pauli, wenn er nach Hamburg kommt und nicht ins Stadion kann, da der Verein Auswärts im Pokal gegen Lübeck antritt? Er geht auf den Kiez und sucht die Fankneipe "Jolly Roger"**  in der Budapester Staße - denn hier kann er in der richtigen Umgebung das Spiel auf dem Bildschirm verfolgen. Zum Kick nur soweit: Es war kein Vergnügen, wie die Kiez-Elf gerade so mit Ach und Krach im Elfmeterschießen weitergekommen ist - aber die Stimmung im Lokal war nett und ich kam ins Klönen (Plaudern) mit Fans aus Norwegen und einem netten Paar, das in der Nachbarschaft lebt. Als ich meine Geschichten aus den 80ies im alten Stadion erzählte, merkte ich an ihrer Reaktion, wie alt ich mittlerweile geworden bin.

Sie folgten sichtlich erstaunt und vergnügt meinen alten Geschichten aus den 1980ern. Da kam ich mir schon ziemlich Opa vor, dabei war es doch gefühlt nur kurze Zeit her, dass ich in der morschen Gegengerade des alten Stadions die Kicker angefeuert hatte. Na ja, ich weiß es besser, denn das neue Stadion habe ich nie von innen gesehen... as time goes by....

Vor dem Spiel ließ ich mich wie ein Pinball im Flippergerät durch die Straßen treiben, einfach dem Gefühl folgend - auf der Suche nach Bekanntem und Unbekanntem, Vertrautem und Neuem. Neben dem Stadion war wieder mal der Sommer-Dom - nein keine Kirche - sondern das Hamburger Volksfest mit Achterbahnen, Karussells samt  Bratwurstduft und Musikgedröhn.

Dreiklang aus Riesenrad, Michel und Kettenkarussell
In der Gegend um das Jolly Roger sind mittilerweile einige Touristen-Billighotels gebaut worden. Sie zeigen, dass der Kiez heute eher zur Tourismus-Attraktion geworden ist, in der man auch sein Quartier nimmt - Prostitution und Halbwelt gibt es, wenn überhaupt noch, eher zwischen Davidswache und Hafenstrasse. Der Kiez ist immer noch an vielen Ecken schmuddelig, doch voller Leben.



Das Publikum und die Bewohnerstruktur hat sich verändert - viele junge Leute,
Für Unwissende: Hans Albers ***
weniger klassische Reeperbahn von einst. Ob das gut oder schlecht ist liegt, wie so vieles, alleine im Auge des Betrachters. Negativ dürfte allerdings sein, dass zunehmend ärmere Bewohner von hippen Joungsters vertrieben werden - denn vor allem Richtung Hafen wurde viel neu gebaut. Jedenfalls gibt es eine menge Lokale und Kneipen, die bei Sonne Tische und Stühle vor die Tür stellen - Hallo Klimawandel! Manche Häuser sind mit Grafittis 'verziert' aber es finden sich auch liebevoll bemalte Wände.

Ein kurzer Trip zum Millerntor-Stadion rundete vor dem Spiel meine Tour de Kiez ab, bevor ich im verqualmten Dunkel der Kneipe versank. Nach Spielende mit diversen Bierchen und Klönschnack verließ ich heiser das Lokal - so verqualmte Kneipen bin ich trockener Raucher (20 Jahre) nicht mehr gewöhnt. Aber danke an das Team des Jolly Rogers, es war nett bei Euch.


 











*https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburgensie
**https://de.wikipedia.org/wiki/Jolly_Roger
***https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Albers

Mittwoch, 21. August 2019

Katzentempel - das Cafe in Hamburg!


Nach zehn Jahren das erste mal wieder in meiner Heimatstadt Hamburg, fahre ich mit dem  Bus von der Sternschanze Richtung Alsterchaussee. Kurz vor der Haltestelle Schlump kommt er an einem Cafe vorbei: Katzentempel. In dem Moment schießt mir durch den Kopf, über den Laden habe ich doch einen Film gesehen. Also ausgestiegen und hingelaufen. Bereits am Eingang erwartet den Besucher der Hinweis, dass die hier lebenden Schnurrmaschinen zu respektieren und das Cafe kein Streichelzoo ist - man muss schließlich mit dem Laden auch Geld verdienen.


Im Raum fallen sofort verschiedene Kratzbäume und Konstruktionen auf, die von den vierbeinigen Bewohnern genutzt werden. Der Schankraum ist von der Küche durch eine Glaswand abgeteilt - hier kommt wegen der Hygiene kein Taschentiger rein. In einer Ecke gibt es eine Ruhezone, dahin können sich die Katzen zurückziehen, wenn es ihnen zuviel wird und kein Besucher darf dort hin.

Die Küche ist streng Vegan - Nun ja, ich bin kein Veganer, esse heute nur weniger Fleischprodukte - weil es gesünder ist. Manche Leute meinen ja, auch ihre Hunde und Katzen ebenso vegan ernähren zu können wie sich selbst - aber das ist fahrlässig und gesundheitsgefährdend für die Tiere. Katzen brauchen fleischliche Kost, da beißt die Maus keinen Faden ab. Wir kennen eine Katze in Griechenland, die gerne Tomaten futtert, das hat ihr der Tierarzt jetzt verboten - sie kann davon Zucker bekommen.

Aber zurück zum Katzentempel, ich setzte mich an einen Platz und wartet ab, ob die faul herumdösenden 'Raubtiere' mit mir Kontakt aufnehmen. Eine legte sich neben mich auf eine Bank, ich ließ sie an meinen Händen riechen, sie fand mich wohl akzeptabel und so durfte ich sie vorsichtig streicheln. Aber eigentlich ist das nicht das spannende am Katzencafe, sondern die Ruhe die den Besucher überkommt, wenn er den liegenden, schlafenden oder umhertigernden Katzen zusieht.  Ich frage eine Bedienung, was die Katzen eigentlich Nachts machen: "Dann gehört ihnen das Cafe" meint sie lächelnd.

Da hier keine Katze gefüttert werden darf, betteln sich auch nicht am Tisch - was ich aus unseren Tavernen in Griechenland kenne. Na ja, da ist das Überleben für Katzen auch schwer, oft sind die Essensreste ihre Hauptnahrung oder Brekkies, die von Einwohnern ausgestreut werden. Die bei uns lebende griechische Katze - Koudounaki (Glöckchen) - hätte in ihrem Bergdorf nicht überlebt  und so holten wir sie vor eineinhalb Jahren nach Deutschland. 

Der Katzentempel ist auch eine ausgewachsene Geschäftsidee, man kann Lizenzen für ein eigenes Lokal unter dem Namen erwerben und muss vom Umsatz etwas abführen. Mittlerweile hat der Katzentempel vier Ableger in Deutschland - näheres unter https://katzentempel.de/

Mir gefiel die Ruhe unter Raubtieren so gut, dass ich am nächsten Tag nach meinen ausgiebigen 'Wanderungen' durch mein Hamburg erneut für einen Kaffee zurückkam.  


 

Sonntag, 18. August 2019

2019 VfB Stuttgart - FC St Pauli: Kiez-Ultras nerven



Da freut man sich als im fernen Schwabenland leben müssender darauf, nach drei Jahren endlich mal wieder den FC.St Pauli live im Stadion sehen zu können - und dann sowas! Ist ja toll, wenn die Ultras mit 25 großen Fahnen schwenkend den Fanblock kenntlich machen. Aber dass diese Fahenschwingers das während des gesamten Spiels machen, ist schon eine Zumutung. Ich kam mir vor, wie mit einer permaneneten TV-Bildstörung, das Spiel konnte man kaum verfolgen - da hätte ich im Radio mehr mitbekommen. Aber den Ultras unten im Block schien das Spiel sowieso egal zu sein - es ging ihnen um das sich selbst
Fans aus Belgien kamen
feiern. Bei ihrem Support-Mantra war ihnen der Spielverlauf wohl Wurst. Ganz besonders mies stieß mir auf, das sich Ultra-Gesänge gegen die Schwabenelf richteten. Ich erinnere mich noch gut an das letzte mal, da gab es aus dem Fanblock Proteste gegen solch besonders 'witzisch' gemeinten support: "Wir unterstützen St.Pauli" haben wir den Ultras damals Kontra gegeben. Diesmal schien sich keiner über deren Mist zu erregen.....

Während in der oberen Hälfte des Fanblocks der Spielverlauf verfolgt und unterstützt wurde, saßen diese Ultra-Oberfans im unteren Drittel, optisch abgeschirmt durch die eigenen Banner am Zaun und feierten sich selbst. Support in der Rundschleife - die hätten nicht gemerkt, wenn keiner auf dem Spielfeld gewesen wäre - believe me! Dazu kamen die
...und von der Saar
nervenden Leute, die mehr Zeit beim Bier- und Wurstholen oder Rumschwätzen als mit Support und Zuschauen verbrachten - wozu die eigentlich hierher gekommen waren - schleierhaft.

Zum Spiel gegen den VfB kann man nicht viel sagen, eigene Chancen nicht genutzt - die Schwoba waren beiweitem nicht besser als die Elf vom Millerntor. Aber die Abwehrschwäche bei den beiden fatalen Gegentreffern war schon erschreckend.

Eines noch. nach Spielende kamen die sichtlich bedröppelten Spieler zur Fankurve - und wurden trotzdem gefeiert. Nur Trainer Luhukay - über dessen Fähigkeiten ich mir kein Urteil anmaße - drehte nach ein paar Schritten ab und lief in Richtung TV-Interview. Gegenüber den Fans, die von sonstwo angereist kamen, um die St.Pauli Elf zu supporten, war das schon mies. Da hatte allerdings Ewald Lienen https://1913familienalbum.blogspot.com/2016/08/2016-fc-stpauli-vfb-as-time-goes-by.htmlbeim letzen Auftritt im Neckarstadion - ach heißt ja Daimler-Benz-Diesel-Betrüger-Stadion - es sich 2016 nach dem verlorenen Spiel nicht nehmen lassen, zum Dank für den Support in unsere Kurve zu kommen.

Wenn Luhukays professionelles Trainerverhalten zu den Fans so aussieht, gewinnt er bei
....bis Nürnberg
mir damit jedenfalls keinen Blumentopf. Man fragt sich schon, ob er eigentlich beim Einstieg als Trainer und vor allem während der Winterpause nicht mitbekommen hat, wo die Schwächen der Elf liegen. Seine massive Kritik kam jedenfalls ziemlich spät und ich würde mich nicht wundern, wenn der Wundermann aus den Niederlanden - sollte es so negativ weitergehen - bald wieder seinen Abflug vom Kiez macht. Mit den Trainern hat der FC St.Pauli in den letzten Jahren ja nie besonders viel Glück gehabt......

Tja und so bin ich nächstes Jahr gespannt, wenn es nach Karlsruhe geht - denn diese Spiele sind entfernungs- und kostenmäßig die einzigen, die ich besuchen kann. Well, allways look on the bright side of life.... 

Samstag, 28. April 2018

2017 Weihnachtsgeschichte: St Pauli in Thessaloniki



Warum eigentlich nicht Weihnachten und Sylvester auf Chios verbringen. Die  griechische Insel ist meine zweite Heimat geworden. Also haben wir uns den Wunsch 2017 erstmals erfüllt, da brauchten wir auch keine weiteren Geschenke.

Allerdings gestaltete sich meine Anreise nicht ganz einfach, denn die mögliche Flugverbindung von Stuttgart erforderte eine Übernachtung auf dem Flughafen Thessaloniki. So landete ich am 23. Dezember kurz vor Mitternacht auf dem Makedonia Airport und musste mir einen Platz suchen, um die Zeit bis zum Weiterflug am nächsten Morgen zu überbrücken. Neben mir schaute ein junges Pärchen auf dem PC Splattermovies, immer wenn ich gerade wegdämmerte, ließen mich Schreie und Kampflärm des Films aufschrecken. An Schlaf war also nicht zu denken und so machte ich mich auf, um am einzig geöffneten Imbiss etwas Wasser zu kaufen. Als mir der junge Mann am Tresen die



Flasche gab, blickte er mich kurz an und fragte: "You are from Germany?" Ich bejahte und er schob nach "Are you from Hamburg?" Erstaunt sagte ich, dass ich dort geboren wurde. Als ich ihn fragte, wie er darauf käme, zeigte er auf meine Mütze. Dort habe ich einen St.Pauli-Button befestigt. Ich outete mich als Fan und er antwortete: "It's my favoured football club too!" Am Flughafen Thessaloniki treffe ich in der Nacht zum Heiligen Abend auf einen jungen griechischen St.Pauli Fan - auch eine Weihnachtsgeschichte. Er ist bei einem Amateur-Verein in Thessaloniki, der Kontakt zum Kiez-Club hat. Dabei ging es ihm vor allem um das soziale und politische Engagement der  Fans von St. Pauli - dem konnte ich nur zustimmen und schenkte ihm zum Abschied einen Button. Am Morgen ging es dann, mit Zwischenstopp in Athen, weiter Richtung Chios.

Donnerstag, 12. April 2018

2018 Unterwandert St.Pauli Stuttgart?


Was man so bei Osterspaziergängen im Stuttgarter Stadteil Bad Cannstatt erleben kann!


An der Unterführung, die das Festgelände des Cannstatter Wasens - nicht weit vom VfB-Stadion entfernt - mit der SB-Haltestelle Bad Cannstatt verbindet, überraschte mich am Ostermontag 2018 obiges Graffiti.

Haben die St.Pauli-Fans im Schwobaland insgeheim die Macht übernommen? Gut erinnere ich mich noch an ein Spiel meiner Zecken gegen den VfB zu Bundesligazeiten - viele Jahre ist's her. Da wurden wir im Stadion aus der Cannstatter Kurve - dem Hort der VfB-Intelligenzia - mit dem, Banner begrüßt: "Eure Mütter gehen auf den Strich - unsere stehen in der Küche". Man was haben wir damals im St.Pauli-Block gelacht über die Spießer in Rot-Weiß......

Und jetzt das?! Klar, bei Spielen St.Paulis beim Zweitliga-Konkurrenten Karlsruhe waren im Zug in die Badische 'Hauptstadt' immer auch schwäbische St.Pauli-Fans mit dabei - aber nun komme ich doch ins Grübeln.......  

Montag, 14. August 2017

Berlin: 13. August 1961



Anfang August 1961 war ich sieben Jahre alt, ich ging in die zweite Klasse, mein Vater war Herausgeber und Chefredakteur des Mediendienstes fff-press in Hamburg.
...was blieb - das Firmenschild...
In diesem Sommer sollte erstmals nach dem Krieg die Internationale Funkausstellung IFA wieder in Berlin auf dem Messegelände unter dem Funkturm stattfinden - zwischen dem 25. August und dem 8. September 1961. Wenige Tage vor Messebeginn, am 13. August 1961, hatte die DDR mit dem Bau der Mauer begonnen, der hermetischen Abriegelung der Grenze zu West-Berlin, um die Flucht in den Westen zu verhindern. Die Situation war sehr angespannt und mein Vater beschloss, nicht über die DDR-Transitstrecke mit dem Auto nach Berlin zu fahren - dies erschien ihm zu gefährlich. 


Es waren Sommerferien in Hamburg und mein Vater nahm, so oft es ging, die ganze Familie mit auf seine Reisen. Wir flogen also gemeinsam zur Funkausstellung von Hamburg nach Berlin. Ich erinnere mich nur undeutlich daran, wie wir am Flughafen in Fuhlsbüttel - dem ältesten Deutschlands (1911) - das große Flugzeug bestiegen. Ich habe nur noch den Hinweis meines Vaters im Ohr: "Wir fliegen mit einer Superconstellation!" Dabei handelte es sich um eine viermotorige Propellermaschine der US-Firma Lockheed - erinnern kann ich mich nur noch an die Stewardess in ihrer flotten Uniform. Die drei Luftkorridore von der Bundesrepublik nach West-Berlin durften damals nur von Airlines der westlichen Siegermächte angeflogen werden, der Lufthansa war dies untersagt

Luftbrückendenkmal 1961
In Berlin landeten wir auf dem Flughafen Tempelhof, ich erinnere mich noch gut an den imposanten Bau mit seinem großen Halbkreis gegenüber den Stellplätzen der Flugzeuge. Jedesmal, wenn im Fernsehen Billy Wilders Komödie "Eins Zwei Drei" läuft, freue ich mich auf die Bilder vom Flughafen Tempelhof. Wir wohnten damals in einer der Pensionen beim Kurfürstendamm, die nach dem Krieg in einer der riesigen Altbauwohnungen entstanden waren. 


Bildunterschrift hinzufügen
Von der Pension fuhren wir dann jeden Tag mit meinem Vater zum Messegelände, wo er die IFA-Termine wahrnahm. Derweilen musste sich meine Mutter um meine Schwester und mich kümmern. Ich erinnere mich nur daran, dass es damals sehr heiß war und das ich mir auf dem Messegelände gehörig den Magen verdarb und in die Rabatten kotzte.....

Während unseres Aufenthaltes wollte mein Vater auch die Sperranlagen an der Grenze zu Ost-Berlin sehen. Er hatte sich damals eine moderne Agfa-Kleinbildkamera mit eingebautem Belichtungsmesser gekauft und benutzte bereits Farbfilme. So entstanden die Fotos von der  Bernauer Straße, am Brandenburger Tor und am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Letzteres lag zwar in West-Berlin, war aber exterritorial und gehörte zur Sowjetischen Zone. Deshalb hatte man sie nach dem 13. August mit Stacheldraht abgegrenzt und davor patroullierten Soldaten. Das genaue Entstehungsdatum der Fotos kenne ich nicht, da nicht mehr geklärt werden kann, ob wir bereits vor IFA-Beginn nach Berlin geflogen sind. Auf jeden Fall entstanden die Bilder im August 1961 kurz nach dem Mauerbau.