Montag, 3. Januar 2022

Meine Deutsch-Französische Familie Teil III

 

Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familienangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten Jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.

 

 

Inferno 


Am 13. August 1914 erklärte die Republik Frankreich dem Kaiserreich Österreich-Ungarn den Krieg. Im beschaulichen Saint Benin interessierte das aber die Familie Gaspard weniger, als der Brief, den der Postbote brachte. An diesem Tag erhielt Vater Henri nämlich seinen Stellungsbefehl in das Korps der Territorialarmee im südlich gelegenen Saint Quentin. Mit seinen mittlerweile 40 Jahren gehörte er nicht mehr zu den aktiven Kampftruppen der Ersten Linie. Seit dem 2. August hatte die Invasion der Armeen des deutschen Kaiserreichs mit der Besetzung Luxemburgs und dem Einmarsch in Belgien begonnen.

Anfang August 1914 vertrauten die Franzosen auf den Angriffsgeist ihrer Armee. Die Propaganda aus Paris versprach, das vor 40 Jahren an Deutschland verlorene Elsass und Teile Lothringens zu befreien. Die Älteren dürften aber ungute Erinnerungen an die Kämpfe und die deutsche Besatzung nach dem Krieg 1870/71 gehabt haben. Immerhin waren in Nordfrankreich noch Jahre nach Ende des Krieges deutsche Truppen stationiert gewesen. Sie waren erst abgezogen, als  Frankreich damals die immensen  Reparationszahlungen geleistet hatte.  

Im August 1914 hatten weder Franzosen noch Deutsche - das gilt auf für ihre Militärs - eine Ahnung davon, was ein industrieller Krieg mit modernen Waffen bedeutet. So boten die Franzosen mit bunten Uniformen und roten Hosen für die Gegner ein perfektes Ziel. Die Soldaten des Kaisers zogen zwar feldgrau in den Krieg, aber marschierten oft in Regimentskolonnen, mehrere tausend Mann stark, in die Schlacht, was Maschinengewehren und Artillerie tödliche Ziele bot. Aber das wurde den Militärs beider Seiten erst nach den grauenhaften Verlusten der ersten Wochen klar - die schwersten des Krieges. In Saint Benin und Le Cateau war man sich Anfang August noch ziemlich sicher, der Krieg würde woanders stattfinden, nicht bei ihnen - ein fataler Irrtum.

Henri 1930

Die Familie Gaspard hatte jedenfalls ganz praktische Sorgen. Wie sollte es weitergehen, wenn der Vater in den Krieg musste? Die Kinder Flore und Henri hatten gerade die Schule beendet und arbeiteten. Henri Gaspard dürfte nicht besonders darauf erpicht gewesen sein, sofort nach Saint Quentin aufzubrechen. Dann überschlugen sich die Ereignisse, am 18.August begann die Generaloffensive der Kaiserlichen Armeen, die laut Schlieffen-Plan die französischen Truppen großräumig umfassen und in einer Kesselschlacht vernichten sollten. Das deutsche Heer rollte wie eine gigantische Welle von Norden durch Belgien auf die französische Grenzregion zu. Das britische  Expeditionskorps war gerade in Boulogne gelandet und versuchte bei Mons in Belgien, die graue Armee aufzuhalten  – nur einen Tagesmarsch von Le Cateau entfernt. Vor der Übermacht mussten sie sich nach schweren Kämpfen in südlicher Richtung zurückziehen, um der Vernichtung zu entgehen – und marschierten Richtung Le Cateau. 

Die Ereignisse in Belgien lösten zuerst dort eine Fluchtwelle aus. Je näher der Krieg kam, desto mehr Franzosen der Grenzregion kamen hinzu. Ein Grund war die  Erschießung von Zivilisten und Brandschatzung von Dörfern und Städten durch die Kaiserlichen Truppen. Die Bewohner von Le Cateau und Saint Benin sahen die Flüchtlingstrecks aus dem Norden und dazwischen mehr oder weniger desolate Einheiten der Armee  – Angst und Panik machten sich breit. Am 26. August wurden Le Cateau und Saint Benin zum Schauplatz erbitterter Kämpfe. Vater Henri war fort, seine Frau Marie und die Kinder suchten im Dorf Schutz im primitiven Keller ihres Häuschens. Der Kampf an der Selle war hart und Verlustreich, die Deutschen zahlenmäßig überlegen. So zog sich das britische Expeditionskorps am Abend weiter Richtung Südwesten zurück, um der Vernichtung zu entgehen. Wenige Tage später scheiterte ein französischer Gegenangriff bei Saint Quentin. Die Deutschen versuchten in großer Eile die Entente-Truppen einzuholen und Henri wollte der Gefangennahme entgehen. Sofort nach der Besetzung gaben die deutschen Militärs den Befehl aus, dass sich jeder männlichen Einwohner in wehrfähigem Alter, bei Androhung der Todesstrafe, melden sollte. Henri besorgte sich eine Hacke und Arbeitskleidung und marschierte in Richtung französischer Linien. Dabei wurde er von einer deutschen Patrouille aufgegriffen, es war nicht ungefährlich. Hielt man ihn für einen Spion, würde er ohne viel Federlesen erschossen. Er stellte sich Naiv – dabei verstand er etwas Deutsch. Die Offiziere meinten, er sei geistig zurückgeblieben und ließen Henri laufen. Eine Nacht musste er sich in einem stillgelegten Hochofen verstecken, dann erreichte er die französischen Linien.

Ende 1915 wurde Henri Gaspard, mittlerweile 41 Jahre alt,  vom aktiven Dienst abgezogen, es fehlte auch in Frankreich überall an Fachkräften in der Industrie – ähnlich reagierte man auch in Deutschland. Er wurde zur Arbeit in einer Gießerei in den Industrieort Rive de Gier geschickt, zwischen Saint Etienne und Lyon. Im Jahr 1917 wechselte er nach Lyon und danach in eine Fabrik bei Bellancourt an der Somme um am 14.Januar 1918 zurück in den aktiven Dienst beim 21.Regiment der Kolonialinfanterie versetzt zu werden. Erst Anfang Mai 1919 wurde er in Lille aus dem Militärdienst entlassen und kehrte am 15. Juni 1919 nach Saint Benin zurück. 

Die ganze Region war nicht nur durch die Kämpfe 1914 und die Besatzungszeit in Mitleidenschaft gezogen. Bei Le Cateau hatte die Kaiserliche Armee ein zentrales Lazarett eingerichtet. In der Folge entstand hier ein Soldatenfriedhof, auf dem auch russische Soldaten liegen. Sie hatten für die Besatzer als Kriegsgefangene arbeiten müssen und waren dort gestorben. Am 17.Oktober 1918 wurden Stadt und  Region in der Schlussoffensive der Entente befreit. Die Deutschen leisteten erbitterten Widerstand und in Folge der schweren Kämpfe wurden Le Cateau endgültig zum Trümmerfeld. Auch in Saint Benin waren viele Häuser und die Dorfkirche durch den Krieg zerstört worden - das Haus in der Rue Faidherbe blieb glücklicherweise unberührt. 

Besatzung und Abschiebung

Während Henri sich im August 1914 Richtung Westen absetzte, kamen seine Frau Marie und die Kinder Flore und Henri unter Besatzung. Das Regiment der Deutschen in Nordfrankreich und Belgien war unerbittlich, Zwangsarbeit und Hunger waren an der Tagesordnung. Gleichzeitig requirierten die deutschen Truppen, die Ressourcen der Region wurden systematisch geplündert, viele Einwohner mussten Zwangsarbeit leisten - manche wurden nach Deutschland deportiert. Die einquartierten Soldaten in Saint Benin ließen es sich gut gehen, zuerst waren es vor allem Bayern, die wesentlich freundlicher waren, als die gefürchteten ‚Prussiens’. Mutter Marie musste für sie Kochen und Putzen, dabei führten die Sprachprobleme zu ungewollt komischen Momenten. So wollte ein Offizier von ihr Spiegeleier gebraten bekommen und um sich verständlich zu machen, brachte er den Wohnzimmer-Spiegel in die Küche. Marie schaute verdutzt, denn Franzosen kennen den Begriff nicht. Das Leben der Zivilbevölkerung war hart, aus dem Land wurde alles herausgepresst, der Hunger wurde endemisch. Die Menschen bekamen, ausser den offiziellen Mitteilungen der Besatzer, keine Nachrichten vom Kriegsgeschehen. Die Ortskommandanten führten sich oft wie kleine Diktatoren auf. Dabei waren sie auf die Zusammenarbeit mit der alten französischen Verwaltung angewiesen - es gab also bereits damals ein Form von Kollaboration. Sie war aber nicht vergleichbar mit der des Zweiten Weltkrieges. 

Front und Kriegszone waren nah und die deutschen Besatzer fürchteten Spionage und Sabotage. Außerdem versteckten sich im Gebiet versprengte französische und britische Soldaten. Häufig wurden sie von der lokalen Bevölkerung versteckt und unterstützt, obwohl darauf die Todesstrafe stand - manche denunzierten aber auch untergetauchte Briten. Niemand durfte ohne Genehmigung den Wohnort verlassen. Als eines Tages die junge Flore ohne Passierschein eine Freundin im Nachbardorf besuchen wollte, wurde sie von einer Militärpatrouille aufgegriffen und verhaftet. Das junge Mädchen kam in Militärarrest und dort sah sie, wie ein Deserteur erschossen wurde - das vergaß sie bis ins hohe Alter nicht. Einen historischen Beleg dafür, konnte ich nicht finden. Insgesamt verhängten aber deutsche Militärgerichte während des Krieges etwa 150 Todesurteile, von denen 48 vollstreckt wurdnen

Auf die Dauer wollten die Besatzer aber die unproduktive Bevölkerung, vor allem Frauen, Alte und Kinder, loswerden. So entschied sich die Reichsregierung, viele Bewohner über die Schweiz in den freien Teil Frankreichs abzuschieben – sollte man sich doch dort um sie kümmern. Unter ihnen befand sich auch Flore mit ihrem Bruder und der Mutter. Leider fanden sich in den Unterlagen des Regional-Archivs in Laon keine Hinweise darauf, wann und wohin sie per Eisenbahn transportiert wurden. Das Leben im unbesetzten Frankreich war für sie nicht einfach, sie kamen zuerst in Lager und ihre Landsleute nannten sie oft gehässig ‚Boches du Nord’. Wann sie nach Kriegsende zurück nach Saint Benin kamen, ist unklar. Immerhin stand ihr Haus noch und das in einer Region, die unter jahrelanger Zerstörung und Ausplünderung gelitten hatte. Überall entstanden für die gefallenen Soldaten des Commonwealth große Friedhöfe. In Saint Benin wurden auf dem Dorffriedhof einige Soldaten aus Australien beerdigt, die dort während der letzten Offensive im Oktober 1918 gefallen waren. Ihre Gräber werden heute noch gepflegt. 

Im Sommer 1918, befand sich die 6.Bayerische Division, zu dem das 16. Reserve Infanterieregiment gehörte, in Le Cateau. Am 4. August wurde hier einem Soldaten, der als Regimentsmelder gedient hatte, das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen - Adolf Hitler.

Saint Benin Friedhof 2015

 

Links: 

zur Schlacht an der Selle

httpshttps://1913familienalbum.blogspot.com/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html ://1913familienalbum.blogspot.com/2014/08/le-cateau-1914-der-krieg-kommt-zu.html

Zur deutschen Besatzung in Nordfrankreich 

https://medienfresser.blogspot.com/2016/08/erster-weltkrieg-leben-unter-deutscher.html

https://medienfresser.blogspot.com/2016/08/erster-weltkrieg-leben-unter-deutscher_16.html

https://medienfresser.blogspot.com/2016/11/erster-weltkrieg-leben-unter-deutscher.html 


Montag, 29. November 2021

Meine Deutsch-Französische Familie Teil II

Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familienangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten Jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.



 

Das Dorf an der ‚Selle’

Wappen von Saint Benin

 


Am 16. Juni 1914 war Henri Paul Gaspard zufrieden, gerade hatten er mit Frau Marie, der 14-Jährigen Tochter Flore (meine spätere Großmutter) und dem 13-Jährigen Sohn Henri das eigene Haus im Dorf  Saint Benin bezogen. Mit den zwei Zimmern sowie einer Küche und kleinem Keller samt Vorratsraum war das, aus rötlichem Backstein gebaute Haus zwar klein - aber es gehörte ihnen.
Sie lebten seit 1906 im Dorf, in der Grande Rue No 1 und waren damals aus dem nahegelegenen Le Catau, Rue de L'Emaillerie, nach Saint Benin übersiedelt. Henri Paul hatte dort als Facharbeiter in einer großen Fabrik für Badenwannen und emaillierte Produkte gearbeitet. Zwar war er jetzt jeden Tag einige Kilometer zur Arbeit nach Le Cateau unterwegs, aber nun hatte die Familie ein eigenes Haus mit großem Garten, in dem man selber Gemüse und Obst anbauen konnte. 

Saint Benin heute

Das Dorf hatte 1914 etwa 800 Einwohner, benannt war es nach dem Heiligen Sankt Benignus von Dijon, der im 2.Jahrhundert in Burgund für das Christentum warb und als Märtyrer endete.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Dorf 1030, Bischof Gerard übergab später den Weiler an die Abtei von Saint André in der nahegelegenen Stadt Le Cateau. Das Dorf liegt an einem Hang in 142 Metern Höhe, oberhalb des Flüsschens Selle. Drei große Mühlen nutzten damals die Wasserkraft für ihren Betrieb. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen zu den Bauern von St.Benin viele Arbeiter, die ihr Geld in den aufstrebenden Fabriken von Le Cateau verdienten. Deshalb ist Saint Benin heute noch geprägt von größeren Bauernhöfen, umgeben von hohen Mauern. Mit der Industriealisierung wurden aber um die Jahrhundertwende hier, wie in vielen Dörfern der Region, Häuser für Arbeiter und Angestellte der Unternehmen gebaut.

Paul Henri Gaspard kam am 28. August 1874 in der Stadt
Guise (Departement Aisne) zur Welt. Der kleine Mann (1,59 Meter) galt als cholerisch, so beschrieben ihn jedenfalls später seine Tochter und die Enkelin - meine Mutter. Vor allem wenn er betrunken war, hatten sie Angst vor ihm – und er trank viel. Er war als 20-Jähriger im September 1898 zum Militärdienst beim 120. Schützenregiment eingezogen worden und kam mit seiner Truppe in die damalige französische Kolonie Tunesien. Laut Militärunterlagen aus dem Archiv des Departements in Laon wurde er im September 1897 in eine Strafkompanie versetzt, dort blieb er ein Jahr. Trotzdem war es ihm möglich, beim Militär seinen Führerschein zu machen und Paul Henri erhielt später sogar eine Verdienst-Medaille der Kolonialtruppen. 


Nach Ende der Militärzeit kehrte er nach Frankreich zurück. Was ihn dann nach Le Cateau verschlug, ist unklar, wahrscheinlich fand er hier Arbeit. In seiner Militärakte steht als Beruf „Emailleur“, also Facharbeiter. In Le Cateau gab es
Flore 1900
die Emaille-Fabrik Dupont, die Badeinrichtungen herstellte. Seit 1868 wurde in der Keramik-Fabrik von Felix Simon - einem Sohn Saint Benins - Kacheln und Bodenplatten hergestellt. Heute noch liegen auf den Fussböden vieler alter Häuser im Ort alte Steinkacheln. Paul Henri kam Anfang 1899 mit seiner Frau Marie (1881, geborene Hanappe) nach Le Cateau, dort bekam sie am 7. Februar 1900 eine Tochter, meine spätere Großmutter Flore Fernande, ihr folgte ein Jahr später der Bruder Henri.   

 

 

Die Landschaft in der Region verläuft in flachen großen Wellen Richtung Nordsee. Hier liegt der französische Teil Flanderns, unweit entfernt der Grenze zu Belgien bei Mons. Aus diesem Grund gibt es für Le Cateau auch einen niederländischen Namen: Kamerijkskasteel. 

Die hügelige Region wird bei Le Cateau vom Tal der Selle durchschnitten, an seinem Hang steht das Dorf Saint Benin. Die Region um Le Cateau wurde durch die Industriealisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch zum Verkehrsknotenpunkt. Ein großes Eisenbahnviadukt überspannt das Tal der Selle seit 1854. Die Strecke verbindet Paris mit Brüssel und Antwerpen in Belgien - und führt bis nach Deutschland. Außerdem treffen bei Le Cateau wichtige Nationalstrassen zusammen, die Cambrai und das Meer mit Charleville-Mezières und Süd-Belgien verbinden.

Die Winter sind hier rau, Regen, Schnee und eisiger Wind kommen vom rund 100 Kilometer entfernten Kanal und der Nordsee. Das hat auch die Menschen hier geprägt, einfache Leute, deren Gesichter von der harten Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken geprägt sind. Im Winter eine ungemütlich neblig- graue Landschaft, die Melancholie aufkommen lässt. Wird es aber Frühling und Sommer, hat man einen weiten Blick über die grüne Landschaft, vor allem Felder und Wiesen, auf denen das Vieh grast. 

Flandern war zwischen den Mächtigen begehrt und umstritten und wurde immer wieder zum Schlachtfeld. Schon die Römer und Attilas Hunnen zogen hier vorbei, die Französischen und Habsburger Herrscher wollten es erobern und in Le Cateau wurde am 3. April 1559 Geschichte geschrieben. Damals schlossen sie hier den Frieden von Cateau-Cambresis - Spanien bekam Burgund und Neapel zugesprochen. Nicht weit von Le Cateau liegt Rocroi – dort besiegte 1643 der französische Thronfolger (Dauphin) die bisher als unbesiegbar geltenden Soldaten der spanischen ‚Tercios’. Damit bekräftigte er Frankreichs Rolle als europäische Großmacht. Auch in der Neuzeit wurde die Region durch Kriege zwischen Deutschland und Frankreich verheert, das 1854 erbaute Eisenbahnviadukt wurde dreimal zerstört: 1870/71, 1914/18 und 1939/45.  

Berühmtester Sohn Le Cateaus ist der Maler Henri Matisse, der hier 1869 zur Welt kam. Stolz ist man auch auf Édouard Adolphe Mortier, einst Marschall Napoleons I. im Jahr 1806 Kommandant meiner Heimatstadt Hamburg. Sein Denkmal steht auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus von Le Cateau - ein kleines Museum erinnert an Matisse.

 

Aber die Vergangenheit interessiert im Sommer 1914 Paul und seine Familie wenig. Endlich war der harte Winter vorbei, das Geld für den Kauf des Hauses musste verdient werden und um die Familie zu versorgen. Seine Frau Marie hatte genug mit der Hausarbeit und den Kindern zu tun. Das Häuschen in der Rue Faidherbe war in der Zeit der Regentschaft Napoleons III. (1852-1871) gebaut worden. Im Gegensatz zu den davor und danach errichteten Häusern, stand es mit der Schmalseite zur Rue Faidherbe. Man wollte nur wenige Fenster zur Straße, weil damals die Steuern nach deren Anzahl berechnet wurden - also ein Steuerspar-Modell. Das kleine Haus bot einen eher kargen ‚Komfort’, gegenüber im Garten befand sich neben dem Kaninchenstall das Plumpsklo. Immerhin hatte die Küche ein Waschbecken aus Steingut samt Wasserleitung. Geheizt wurde mit kleinen Kohleöfen, das Heizmaterial kam aus den nahen Revieren Nordfrankreichs. Wichtig war der große Garten mit seinen Obstbäumen und Beeten, in denen Gemüse und Kräuter angebaut wurden. Heute noch eine Spezialität der Region ist der geräucherte Knoblauch, die großen bräunlichen Zöpfe kann man auf den Wochenmärkten kaufen. Wochentags gingen die Kinder Flore und Henri, deren Schulzeit beendet war, zur Arbeit. Am Dorfrand, direkt neben der Eisenbahnlinie befand sich der Friedhof, auf dem später die gesamte Familie – bis auf meine Mutter – im Familiengrab ihre letzte Ruhe finden sollten.  

Als die Familie Gaspard am 16. Juni 1914, einem Dienstag, ihr neues Haus bezog, ahnte niemand, das knapp zwei Wochen später, am 28. Juni, das Attentat auf den Österreich-Ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo blutige Folgen für Le Cateau und Saint Benin haben sollte. Mitte Juni 1914 schien die Welt noch in Ordnung und so nahm man hier kaum großen Anteil an der aktuellen Debatte im Parlament. Dort hatte gerade der frisch gewählte Ministerpräsident, René Viviani die ein Jahr zuvor verabschiedete Verlängerung der Wehrdienstzeit auf drei Jahre verteidigt. Damit sollte die Anzahl aktiver Soldaten in Friedenszeiten gesteigert werde. Die Folge war, dass im deutschen Kaiserreich eine Aufstockung des Friedensheeres beschlossen wurde. Trotz des Säbel-Gerassels - dass man kurz vor einem Krieg stand, damit rechnete kaum jemand - schon gar nicht in Saint Benin.....  

 



Der alte Obstbaum im Garten in den 1980ern

Montag, 22. November 2021

Meine Deutsch-Französische Familie Teil I

Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familienangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten Jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.



Wie alles begann....

 

Heinrich und Frieda Ressing

 

 

Am Morgen des 7. April 1913 blieb die aktuelle Ausgabe der Lokalzeitung „Gronauer Nachrichten“ auf dem Frühstückstisch der Familie Ressing unbeachtet liegen. Heinrich Ressing war viel zu aufgeregt – er wurde zum ersten mal Vater. So entging ihm, dass am Tag zuvor im Reichstag in Berlin über die „Heeresvorlage“ heftig debattiert worden war. Dabei ging es immerhin um die Mittel für eine massive Aufstockung des stehenden Heeres auf insgesamt 660 000 Soldaten. Es ging um die größte Verstärkung der Landstreitkräfte seit Gründung des Deutschen Reichs im Jahr 1871. Aber die meisten Deutschen machten sich im Frühjahr 1913 keine Sorgen, denn ein Krieg erschien kaum vorstellbar. Immerhin hatten sich doch in den letzten Jahrzehnten die wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen der Staaten Europas positiv entwickelt. Daran würde auch das aktuelle Säbelgerassel der Militärs und Nationalisten nicht viel ändern – glaubten viele Zeitgenossen. Dabei hatten auch in Europa mit dem neuen Jahrhundert die Konflikte an den Peripherien zugenommen.  Die Zeitungen brachten Berichte über die Greuel der Balkankriege, in denen Serben, Bulgaren und Griechen um die Reste des Osmanischen Reichs in Europa kämpften. Aber an diesem Tag war das für Heinrich Ressing genauso wenig von Interesse, wie die Meldung, dass sich in seiner Heimatstadt Gronau die Fußballabteilungen des TV Gronau und des FC Gronau zusammengeschlossen hatten. Er wartete nervös im Wohnzimmer des Hauses in der Schiefestrasse, denn seine Ehefrau Frieda lag in den Wehen – gerade war die Hebamme angekommen.

Es war ein grauer und trockener Montag, der Frühling
lag noch in weiter Ferne, das Thermometer zeigte gerade einmal 10 Grad.  Der 27-jährige werdende Vater ging heute nicht in sein Büro bei der städtischen Sparkasse. Als preußischer Beamter und leitender Angestellter konnte er sich das leisten. Das Kreditinstitut lag in der Poststrasse, nur wenige Gehminuten von seiner Wohnung entfernt. Jetzt wartete der werdende Vater voller Unruhe im Wohnzimmer auf die Niederkunft seiner Frau Frieda. Sie wurde mit ihren 30 Jahren eine für die damalige Zeit späte Mutter. 

Heinrich Ressing – die Schreibweise des Familiennamens hatte sich im Lauf der Jahre von Rehsing, über Reßsing zu Ressing geändert - hatte es weit gebracht. Jetzt gehörte er zum gutsituierten Bürgertum der aufstrebenden Kleinstadt Gronau. Im Jahr 1910 war er Leiter der Rechnungsabteilung (Rendant) der Stadtsparkasse geworden. Während er an diesem trüben Montagmorgen auf die Geburt seines ersten Kindes wartete, hatte er Zeit auf das Erreichte zurückzublicken. Geboren im Jahr 1886, war er als drittes Kind das jüngste seiner Eltern, Gerhard Ressing und Katharina, geborene Esselborn. Einige Geschwister waren bereits im Kindesalter gestorben, für diese Zeit nicht unüblich. Die Familie hatte den eigenen Bauernhof bei Solingen bewirtschaftet und dabei vom wirtschaftlichen Aufstieg der Industriealisierung und der Gründerjahre profitiert. Nach 1871 hatten sich die Region und seine Sozialstruktur von einer Landwirtschaftlichen zu einer Industriellen gewandelt. 

Kreissparkasse (nach 1933)

Die damalige Kleinstadt Gronau mit rund 10 000 Einwohnern lag im Nordwesten des Kaiserreichs, nur wenige Kilometer von der niederländischen Grenze und der benachbarten Stadt Enschede entfernt. Der Name des Ortes wurde bereits im Mittelalter 1356 urkundlich festgehalten, er leitet sich von ‚Grüne Aue’ ab. Zu Beginn des 20.Jahrhunderte war rund die Hälfte der Einwohner evangelisch, die andere katholisch, dazu kam noch eine kleine jüdische Gemeinde. So richtig Aufwärts ging es erst spät, das Stadtrecht hatte Gronau gerade um die Jahrhundertwende erhalten. Auch hier hatte die Region vom Boom der Gründerzeit nach 1871 profitiert. 


Zu Beginn des neuen Jahrhunderts war Gronau bekannt für seine Textilindustrie, das schnelle Wachstum brachte aber auch Probleme mit sich. Die Stadt platzte aus allen Nähten, es gab nicht genug Wohnraum, vor allem die Arbeiter lebten in unhygienischen und überbelegten Quartieren. In der Folge kam es im Sommer 1913 zu einer Typhusepidemie, an der Arbeiter und ihre Kinder erkrankten. Auslöser war mit Fäkalien verschmutztes Trinkwasser, da es damals keine zentrale Wasserversorgung gab. Gronau war auch Arbeitsplatz für Pendler aus den benachbarten Niederlanden, seine Fabriken boten sichere Arbeitsplätze und guten Lohn. Immerhin gingen die Produkte aus Gronau auch in alle Welt. Größter Unternehmer der Stadt waren die Spinnereien von Gerrit van Delden, der seinen ersten Betrieb dort bereits 1854 gegründet hatte. Vor Beginn des Ersten Weltkrieges war sein Unternehmen der größte Arbeitgeber Gronaus, van Delden betrieb damals die größte Fabrik für Feinspinnerei auf dem europäischen Festland –  Industriegeschichte die 1981 mit dem Konkurs enden sollte.


 

Gronau war 1913 nicht nur Industriestandort, hier trafen sich Eisenbahnlinien, die das westliche Westfalen mit dem Reich verbanden. Der wirtschaftliche Wandel von Landwirtschaft zur Industrie ließ auch die Bedeutung der Sparkasse in Gronau wachsen. Für den jungen und karrierebewussten Heinrich Ressing also gute Voraussetzungen. 

Er war ein ungewöhnlicher Mann, obwohl preußischer Beamter, pflegte er seine Leidenschaft für Kunst und Malerei. Seine Eltern hatten seine kulturellen Interessen immer gefördert, ein Bruder wurde später Kunstmaler. So durfte der jüngste der Familie Ressing später in Düsseldorf sogar Zeichenkurse besuchen. Heinrich war ein fröhlicher Charakter, galt als ‚Bruder Leichtfuß’ der eine Leidenschaft für Frauen hatte – so charakterisierte ihn jedenfalls später seine Tochter Käthe. 

Frieda Terp - spätere Ressing


Er lernte seine spätere Frau Frieda Terp im Bahnhof von Münster kennen. Heinrich saß im  Wartesaal der 2.Klasse und wartete auf seinen Zug. Dabei fiel ihm die elegant gekleidete Frieda Terp auf, vor allem die eindrucksvolle Erscheinung dieser Frau weckte sein Interesse. Der junge Mann sprach sie an und muss die vier Jahre ältere Frau mit seinem Charme und seiner Selbstsicherheit beeindruckt haben.

Die 1882 in Erfurt geborene Frieda Franziska Karoline Terp war für ihre Zeit eine selbstständige Frau. Sie hatten den Beruf der ‚Putzmacherin’ erlernt und besaß in Burgsteinfurt ein eigenes Hutgeschäft. Ihre Eltern, Karl (geboren 1846) und Friederike (geboren 1851) hatten dafür gesorgt, dass die Tochter einen Beruf erlernen konnte – damals alles andere als selbstverständlich. Ein Grund dürfte gewesen sein, dass Friedas Vater, Karl Terp, obwohl Oberschaffner der Reichsbahn, für seine Schwiegereltern als nicht standesgemäß galt. Immerhin war Friedas Mutter, Friederike, Tochter einer wohlhabenden Familie von Goldschmieden aus Worms. Aber die Liebe zwischen Friederike und Karl war so stark, dass sie nach Erfurt durchgebrannt waren und dort geheiratet hatten. Ob sie und ihr Mann sich mit ihren Eltern versöhnt hat...?

Johanna und Friederike

 

Die Familie Terp hatte zwölf Kinder, Frieda erzählte später, sie habe ihre Mutter fast immer nur schwanger erlebt. Viele der Kinder überlebten die ersten Lebensjahre nicht, Tochter Johanna war wegen einer Hirnhautentzündung geistig behindert. In den 1930er Jahren lebte sie in Hamburg in den 'Alsterdorfer Anstalten'. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges erhielt die Familie die Nachricht, Hanna sei „plötzlich an Lungenentzündung“ verstorben. In Wirklichkeit war sie Opfer der Euthanasiemorde des NS-Staates geworden, den Ärzte und das Pflegepersonal durchführten. Behinderte galten als 'Lebensunwert', sie verhungerten und bei Kriegsbeginn gab es die ersten ‚Vergasungsaktionen’. Diese waren der 'Testlauf' für das, was später in den Vernichtungslagern im großen Stil praktiziert werden sollte.

 

In der Ehe zwischen dem lebenslustigen Heinrich und der verklemmt und strenggläubigen Protestantin Frieda trafen zwei sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Ihre Tochter Käthe meinte später, er habe wohl auch um Frieda geworben, weil sie als Besitzerin eines Hutgeschäftes eine „gute Partie“ gewesen sei. Nach der Heirat verkaufte Frieda ihr Geschäft in Burgsteinfurt und zog mit ihrem Mann nach Gronau. Das Eheleben dürfte beiden allerdings bald klar gemacht haben, wie unterschiedlich sie waren – aber erst nach dem Ersten Weltkrieg kam es zur Trennung. 


Karl-Heinz 1913

 

Im April 1913 war die Welt der Familie von Heinrich und Frieda Ressing jedenfalls noch in Ordnung. Als die Hebamme zum Vater kam und ihm mitteilte, er habe einen gesunden Sohn, war Heinrich jedenfalls überglücklich. Der Stammhalter wurde, was damals niemand ahnen konnte, in das letzte Friedensjahr geboren. Den Namen Karl-Heinrich Gerhard Ressing bekam der Junge nach den beiden Großvätern. Außerdem war der Name Karl 1913 in Deutschland der beliebteste Jungenname – so hieß auch sein Patenonkel Karl. Ihn hat der Junge aber nie kennenlernen können, denn er fiel 1915 vor Verdun.

 

Kopie der Geburtsurkunde von 1934

 



Montag, 1. November 2021

Nürnberg: 1946 - 2021

2021

Ein ganz normaler Saal in einem ganz normalen Gerichtsgebäude in Deutschland. Raum Nummer 600 - Justizpalast Nürnberg. Seine Geschichte macht den Unterschied aus. Hier fanden 1946, vor 75 Jahren, die Prozesse gegen die Hauptangeklagten des NS-Regimes vor den Richtern aus Großbritannien, Frankreich, den USA und der Sowjetunion statt. Es hatte nach der Kapitulation des NS-Reiches am 8. Mai 1945 durchaus Meinungen bei den Alliierten gegeben, die gefassten NS-Täter einfach hinzurichten. Aber die Verbrechen waren so ungeheuerlich, dass man entschied, die NS-Größen vor ein internationales Gericht zu stellen.  


1946

Auch heute noch wird im Saal 600 Recht gesprochen, etwa 2011, als gegen einen Neonazi verhandelt wurde, der in der U-Bahn einen vermeintlichen Linken so schwer verletzt hatte, das dieser bleibende Schäden zurückbehielt. Während der Verhandlung kam es im Saal zu Auseinandersetzungen und der Richter musste den Prozess räumlich verlegen. 'Der Schoss ist fruchtbar, aus dem das kroch' warnte einst Bertold Brecht....

Neben dem Prozess 1946 gegen die NS-Elite, fanden hier bis 1949 weitere zwölf internationale Verhandlungen gegen weitere Verantwortliche statt. Darunter waren Ärzte, Juristen, Militärs, Wirtschaftsmagnaten, Mitglieder von SS und Polizei. 

 

 

Das für die Prozesse genutzte Gerichtsgebäude war Teil des umfangreichen Nürnberger Justizpalastes, wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt. Da hier die alliierten Bombenangriffe nicht so große Schäden angerichtet hatten und sich außerdem direkt hinter dem Gericht ein Gefängnis befand, wählten die Alliierten diesenStandort. Sie befürchteten Befreiungsversuche und Anschläge von Hitler-Anhängern und so wurde das Gelände militärisch hermetisch abgeriegelt. Den Prozess durften nur Pressevertreter und besondere Gäste vor Ort verfolgen. Der Saal wurde damals für den Prozess umgebaut, nach Gründung der Bundesrepublik hat man ihn dann erneut umgestaltet. 

Die 50 Bände umfassenden Prozessakten wurden nach dem Prozess veröffentlcht, aber von der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet. Bei einem Besuch des Amerikahauses in Hamburg, es befand sich an der Moorweide, fand ich sie bei einem Besuch, Anfang der 1970er Jahre, sie erstreckten sich im Lesesaal über eine große Regalwand.

Auf den ersten Blick ist der Gerichtssaal ein typisches Symbol des deutschen Obrigkeitsstaates der Kaiserzeit. Verglichen mit den Film- und Fotoaufnahmen von 1946 wirkte er aber auf mich wesentlich kleiner. Über den mächtigen Eingangsportalen aus dunklem Holz mit den Symbolen der Macht und des Rechts, steht hinter dem Richetrtisch heute ein massives Kreuz - wir sind ja in Bayern. Der Audioguide informiert, das sich links hinter der Bank für die Angeklagten eine Tür zu einem Aufzug befindet. Über ihn wurden 1946 die angeklagten NS-Größen zum unterirdischen Gang gebracht, der in das Gefängnis führte.

Die Gedenkstätte wurde im Jahr 2010 eröffnet. Erst im Jahr 2000 war es für Besucher überhaupt möglich, den Saal im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Immerhin ist er ein Symbol für das internationale Recht, denn erstmals wurden hier Verantwortliche für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen und vrn einem internationalen Tribunal verhandelt. Einen ähnliche Prozess gab es nach der Kapitulation Japans gegen die Kriegsverbrecher in Tokio - der Kaiser (Tenno) blieb verschont. Mit dem sich 1946 bereits anbahnenden 'Kalten Krieg' zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, kamen viele Verantwortliche des

NS-Staates und ihre Profiteure in den Folgeprozessen glimpflich davon. Abgesehen von den im ersten Prozess zum Tode Verurteilten wurden viele Täter zwar zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, aber nach Gründung der Bundesrepublik entlassen. Die Deutschen wollten vergessen, wie sie am NS-System und seinen Verbrechen mitgewirkt und profitiert hatten, sie sahen sich angesichts der Zerstörungen nur als Opfer und 'hatten von nichts gewusst'. Erst 1963 sollte der Frankfurter Prozess gegen die Verantwortlichen des Vernichtungslagers Auschwitz vor allem vielen jüngeren Deutschen die Augen öffnen. Danach fragten die Heranwachsenden ihre Eltern: 'Und was hast Du damals gemacht?' 


Nürnberg - Symbolort des NS-Staates


Katalog 1984

Die Alliierten hatten nicht ohne Grund Nürnberg für das internationale Tribunal gegen die NS-Täter gewählt. Neben seiner Rolle als Produktionsstandort der Kriegswirtschaft, war die Stadt ein Symbol für das 'Dritte Reich' - für die Nazis wie für die Alliierten. Hier hatte die NSDAP bereits 1927 und 1929 Reichsparteitage veranstaltet, nach 1933 wurde außerhalb des Zentrums ein monströses Aufmarschgelände in kurzer Zeit gebaut, an den Parteitagen nahmen bis zu eine halbe Million Menschen teil. Meine Mutter mokierte sich darüber: "Ja ja und heute ist keiner dabei gewesen". 

Nürnberg hatte für den NS-Staat hohen Symbolwert, fanden hier doch im Mittelalter die Reichstage statt, die Reichsinsignien wurden hier aufbewahrt. Im Jahr 1935 wurden auf dem Reichparteitag die sogenanten 'Nürnberger Gesetze' verkündet, die Ehen und Verbindugnen zwischen Juden und 'arischen' Deutschen untersagten und unter schwere Strafe stellten. Diese 'Rassegesetze' waren ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Aussonderung der JUden in Deutschland und damit zum späteren Holocaust. In Nürnberg hatte Hermann Göring diese Terrorgesetze verkündet - zehn Jahre später fand er sich im Saal 600 auf der Bank als Angeklagter wieder. 

...hier saßen die Täter....

Touristen kommen gerne...auch zum NS-Parteitagsgelände

 
Zwar war die Stadt bereits seit 1940 Ziel alliierter Bomber gewesen, die größten Zerstörungen richtete aber der Angriff am 2.Januar 1945 an. Binnen weniger Minuten wurde die gesamte Altstadt in Trümmer gelegt. Heute geben nur einige Gebäude noch einen Eindruck davon, wie Nürnberg vor 1945 ausgesehen hat. Sie wurden, wie etwa das Rathaus oder das Dürer-Haus nach dem Krieg wieder aufgebaut - für mich wirkten sie bei meinem Besuch wie Kulissen einer untergegangen Zeit. Sonst beherrschen die City in den Fußgängerzonen, wie in allen Städten, die klotzigen Konsumpaläste. 
Den Touristen scheint es jedenfalls zu gefallen, denn Bayerns zweitgrößte Stadt ist bei ihnen beliebt und sie strömen auch Sonntags durch die City. Viele haben auch das einstige Reichsparteitags-Gelände als besonderen 'thrill' auf der 'to do list'. Daher bieten die Stadtrundfahrten per Bus diese 'Sehenswürdigkeit' auf ihren Fahrzeugen als eines ihrer highlights an. 
 
Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Nürnberg vor 35 Jahren. Damals standen wir auch vor dem berühmten 'Schönen Brunnen' am Markt und hörten die Geschichte von den 'Wunsch-Ringen' am Gitter. Es heißt: Wer sich ein Kind wünscht und am Ring dreht, dem geht das in Erfüllung. Mittlerweile werden die Ringe für jeden Wunsch genutzt - ob mit Erfolg ist fraglich. Erstmals taucht die Geschichte der Wunschringe jedenfalls im 17. Jahrhundert auf. Die heute am Gitter hängenden Exemplare wurden aber immer wieder - zu letzt im 20. Jahrhundert - erneuert.  
 
 
Auch das NS-Parteitagsgelände besuchte ich Mitte der 1980er Jahre, so die Tribüne am sogenannten 'Zeppelinfeld'. Jeder kennt die Bilder aus den NS- Propagandafilmen Leni Riefenstahls. Wie Hitler langsam die Stufen zum Rednerpodest heruntergeht, unter ihm die folgsamen Massen in Reih und Glied. Diesen Weg selber zu gehen war schon unheimlich - aber ich musste auch an den wunderbaren Film von Charlie Chaplin "Der große Diktator" denken. In einer Szene persifliert er das hohle Pathos der Hitlerschen Selbstinszenierung treffend. Ich erinnerte mich auch an das berühmte Foto und die Filmaufnahme von der Sprengung des riesigen Hakenkreuzes auf der Tribüne am 22.April 1945 - zwei Wochen vor der deutschen Kapitulation. 
Damals kaufte ich eine Broschüre, die sich kritisch mit dem Konzept Albert Speers für das NS-Gelände beschäftigte. Er hatte es von Anfang an auf schnellen Verfall angelegt, damit sollte Hitlers Deutschland dem tausendjährigen antiken Rom und Athen nahestehen - aber im Schnellverfahren. 
Erst 2001 wurde ein Dokumentationszentrum auf dem Gelände eröffnet, immerhin war das NS-Gelände bereits in den 1980er Jahren eine 'Pilgerstätte' für Neo-Nazis geworden. Nürnberg war damals auch wegen der berüchtigten 'Wehrsportgruppe Hoffmann' bekannt, die unweit in einem alten Schloss ihre Übungen abhielt. Im Jahr 1980 verübte ein Anhänger das Bombenattentat an der Münchner Oktoberfestwiese, das zwölf Menschen das Leben kostete - und bis heute nicht aufgeklärt wurde. Bezeichnend auch, dass Enver Şimşek am 9.September 2000 in Nürnberg das erste Opfer der NSU-Neonazis wurde. Nicht einmal ein Jahr später, am 13. Juni 2001 ermordeten sie dort Abdurrahim Özüdoğru und am 9.Juni 2005  İsmail Yaşar. Ob und welche Helfer die NSU-Mörder in Nürnberg hatten, ist bis heute ungeklärt.  
 
 

Brunnen und Plätze  

 
Ein besonderes faible hat man in Nürnberg anscheinend für 'schräge' Brunnen, etwa das 'Ehekarussell' am 'Weißen Turm'. Durch die Innenstadt fließt der Fluss Pegnitz, hier kann man einen Eindruck vom mittelalterlichen Nürnberg erhalten. Am Marktplatz findet sich die älteste Buchhandlung Deutschlands von 1531 - allerdings mit aktuellem Sortiment.





 
Wer das Museum zum Nürnberger Prozess sucht, muss mit der U-Bahn (Linie 1 bis 'Bärenschanze') Richtung Fürth fahren.
 
Quelle: Katalog "Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg", Kunstpädadgogisches Zentrum im  Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 1984 - heute noch erhältlich.

Montag, 13. Januar 2020

Hamburg 2019 - Meine Hamburgensien Teil 7: 'Sehenswürdig'



Umzingelt von Touristen setzte ich mich an den Landungsbrücken auf das Oberdeck der Fähre nach Finkenwerder. Es ist zwar kühl und windig, aber so kann ich das Elbpanorama genießen. Diese Verbindung ist bei Besuchern sehr beliebt, wer dagegen die Fähre benutzt, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen, ist oft genervt von den Touries. Die Fahrt ist billig - Nahverkehrstarif statt teure Hafenrundfahrt - und sie bietet das Elb-Ambiente von den Landungsbrücken, entlang der Werft von Blohm & Voss, am Fischmarkt, dem Fischereihafen vorbei bis nach Altona und Övelgönne und von dort zum Anleger Finkenwerder - und zurück. Zuerst konnte ich die Fähre nicht finden, denn sie sah eher wie ein schwimmender Poton mit Aufbauten aus und nicht wie ein Schiff. Zu meiner Jugendzeit fuhren hier grüne etwas plump wirkende Pötte der HADAG, ähnlich den behäbigen Koggen aus der Zeit Störtebekers. Nun ja, zum Glück erkannte ich kurz vor dem Ablegen, dass dieses Gefährt eine Fähre ist und stieg auf das offene Oberdeck. Und dann der Schock: Neben mich setzte sich eine Gruppe laut schwätzender Schwaben....

Während die Fähre elbabwärts brummte, bestaunten die Touristen die wenigen Containerschiffe, die entgegen kamen. Für mich nur noch eine traurige Erinnerung an den Hafen vor 40 Jahren. Da fuhren morgens noch Barkassen die Hafenarbeiter zu Blom & Voss oder Deutsche Werft. Frachter und Kümos (Küstenmotorschiffe) machten die Elbe belebt und ab und zu sah man einen Fischkutter - heute ist das alles Geschichte. Trotzdem gefiel mir die Fahrt, ich konnte in angemessener Geschwindigkeit meinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Bald tauchten die Häuser an der Hafenstraße auf,  immer noch gut erkennbar an ihrer Bemalung, dahinter sah ich den Fischmarkt

Heute sieht das alles sehr aufgeräumt hier aus, der Hafendrand ist zum beliebten Wohnquartier besserer Stände geworden. Neben der Fahrrinne schwamm eine Boje, auf der ein Mann im weißen Hemd stand - eine Puppe, die in den Wellen hin und her dümpelte. Am Anleger in Övelgönne und im Museumshafen lagen alte Segler und Schlepper, sie kündeten von der großen Zeit des Hafens. Am Hang stehen immer noch die kleinen Häuser, die einst Kapitäne im Ruhestand bewohnten - diese Gegend war schon früher als Wohnort  begehrt.


Auf dem Rückweg stieg ich an der Haltestelle Fischmarkt aus, denn ich wollte hinauf zu den Häusern der Hafenstraße und zur Reeperbahn zu Fuß gehen. Jeden Sonntag früh am Morgen gaben sich am Fischmarkt Touristen, Nachtschwärmer und andere Besucher hier ein quirliges Stelldichein. Dabei konnte man auch direkt am Anleger von den Kuttern frischen Fisch kaufen. Bekannt wurde der Fischmarkt für seine Marktschreier - etwa 'Aale-Dieter',  der lautstark seine Ware ausrief, oder dem Konkurrenten, der stimmgewaltig seine Südfrüchte anbot. Damals war der Verkauf lebender Tiere erlaubt und so manch alkoholisierter Besucher des Nachtlebens
Museumshafen mit alten Schleppern
kaufte sich aus Daffke ein lebendes Huhn, das dann oft nach Ende des Marktes alleine und verloren herumlief. Am Wochende fanden Sonnabends auf dem Fischmarkt auch große Flohmärkte statt. Auch ich verkaufte hier einst mit Freunden allerlei Zeug. 


An diesem kühlen und wolkigen Nachmittag wirkte der leere Platz viel kleiner als in meiner Erinnerung. Die alten Häuser am Rand waren saniert worden, man hatte neue Wohnhäuser gebaut - es wirkte alles aufgeräumt und modern. Schräge Kneipen wie 'Erna Fick' - die Kaschemme hieß wirklich so - sind verschwunden. Aber es gibt noch einige Traditionslokale, in denen damals bei Akkordeonmusik die Besucher früh am Sonntag ein deftiges Frühstück mit Spiegelei und Bratkartoffeln samt Korn und Bier zu sich nahmen. Gegen Mittag verwandelten sich dann diese Etablissements flugs in gutbürgerliche Speiselokale, mit Kellnern im weißen Hemd, gestärkten Tischdecken und Tellern, Besteck und Stoffservietten. Ab 12 Uhr kamen die ersten Familien zum Mitagessen, gab es doch vor allem frischen Fang direkt vom Fischereihafen. Andere kauften ihn lieber direkt vom Fischer, der sie direkt an Bord für die Kunden ausnahm, was die kreischend umherfliegenden Möven freute. 


Mein Weg führt mich hinauf zu den Häusern an der Hafenstraße - sie haben Hamburg in den 1980er Jahren international 'berühmt' gemacht. Hausbesetzer hatten die leerstehenden und dem Verfall preisgegebenen Altbauten der städtischen Wohnbaugesellschaft SAGA damals besetzt und zum Zentrum der autonomen Szene der Stadt gemacht. Der Kampf um den Erhalt des Wohnprojektes ging mehrere Jahre und war Militant auf beiden Seiten: Demos, Straßenschlachten, Polizeieinsätze waren damals für Hamburg imageprägend. Erst später hatte der Hamburger SPD-Senat ein Einsehen und übergab die Häuser einer Stiftung, die sie bis heute vermietet. Die Häuser wirken heute befriedet, wie ein erloschener Vulkan, der aber jederzeit wieder ausbrechen kann - was die G 20 Protesten 2017 zeigten.



Spekulanten haben mittlerweile den Wert der Immobilien mit Hafenblick und den Kiez um die Reeperbahn entdeckt. Seit Jahren läuft auch hier die Gentrifizierung: Ärmere Bewohner werden verdrängt, ihre Häuser abgerissen oder modernisiert, neue Nobelwohnungen werden gebaut und von wohlhabenden Investoren als 'Betongold' gekauft. Die Reeperbahn heute ist mit der meiner Jugendzeit nur noch schwer vergleichbar. Mein Weg führte mich von den Häusern am Hafenrand in Richtung Hans-Albers-Platz. In einer Straße erwartete mich ein Straßenschild der besonderen Art. 

Manche Leute schwärmen ja von der Reeperbahn, für mich war der Kiez in meiner Jugend nicht besonders anziehend. Mitte der 1970er Jahre ging ich mit einem Freund zum Hans-Albers-Platz, denn hier gab es einen ziemlich bizarren unterirdischen Flohmarkt. In den Katakomben gab es so ziemlich alles, was einst Seeleute von ihren Reisen mitgebracht hatten. Vom Schrumpfkopf bis zur
Bücher im HVV Bus 115
Schiffslaterne und verrosteten Macheten. Der vierschrötige Besitzer passte zu seinen schrägen Exponaten. Wir gingen die Reeperbahn hinunter und kamen am Eroscenter - einem Großpuff - vorbei. Vor dem Zugang zum Kontakthof stand eine Gruppe 'Mutties' mit Hut. Worauf warteten sie? Ein Mann - Typ Kleinstadtspießer - kam heraus und wurde von ihnen umringt und ausgefragt. Frauen durften den Kontakthof nicht betreten, das wäre ihnen auch schlecht bekommen. Deshalb hatte eine Reisegruppe aus der Provinz ihre Männer reingeschickt - natürlich nur zum schauen! Jetzt wollten sie genau hören, was er da so gesehen hatte - wir schüttelten nur den Kopf. Die berühmte Herbertstrasse, in der Prostituierte sich in Schaufenstern anboten, waren und sind für Frauen tabu. Ich bin einmal im Leben in der Gasse gewesen, wir hatten damals Besuch aus England und die Lady wollte unbedingt dort mit uns durchlaufen. Damals hatte ich keine Ahnung, dass das für Frauen gefährlich werden konnte und wir liefen zu Dritt durch die nur ein paar hundert Meter lange Straße. Mir war das alles so peinlich, dass ich weder nach links noch rechts schaute, keine der 'Damen' gesehen habe und einfach nur froh war, wieder herrauszukommen - unsere Freundin freute sich wie Bolle. Der einzige Ort, den ich schon als Kind mochte, war das Wachsfiguren-Kabinett in der Reeperbahn - das hatte mein Vater manchmal mit uns besucht - und der Western-Shop, in dem man alles kaufen konnte, was das Cowboy-Herz begehrte.


'Rote Flora' im Schanzenviertel
Tagsüber war und ist der Kiez eine ziemlich elende Gegend, dabei ist die große Zeit vorbei. Großbordelle wurden geschlossen, die kurzen Liegezeiten der Schiffe im Hafen führten dazu, dass sich Prostitution an den Hafenrand verlagerte. Zunehmend bestimmen Billig-Hotelketten für Touristen das Bild, aber wie gesagt, der Kiez war nie so mein 'Revier' - nur das Stadion des FC.St. Pauli war und ist für mich immer noch ein Anziehungspunkt. Den Kiez hinter mich lassend, wollte ich sehen, was aus dem Schanzenviertel geworden war und ging in Richtung Neuer Pferdermarkt. In den Medien ist das Viertel durch die Auseinandersetzungen beim G-20 Gipfel international bekannt geworden. Unvergessen der geteilte Bildschirm eines Kommerzsenders - links das Konzert aus der Elphi für Trump und die anderen 'Herrscher der Welt', rechts Straßenschlacht und Wasserwefer fürs unbotmäßige 'Volk'. Aber auch hier hat die Gentrifizierung mittlerweile ihre Spuren hinterlassen, ähnlich wie in Berlin-Kreuzberg oder der Kölner Südstadt ist es chic geworden, in solchen Vierteln zu wohnen. Beim Hamburger Schanzenviertel freut dies die Regierenden. schon in den 1980 Jahren kursierte in der Landespolitik der Wunsch sogenannte 'innenstadtuntypische Bewohner' aus dem Schanzenviertel zu verdrängen. So ganz ist das nie gelungen, aber die soziale Entwicklung - vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer - zeigt auch hier Wirkung. Nobelläden und gehobene Gastronomie haben die Gegend verändert - es gibt allerdings auch Widerstand dagegen, der allerdings auch zu Diskussionen darüber geführt hat. 

Hier war einst im 1. Stock die GAL-Geschäftsstelle
Ich erinnere mich noch an die Hochzeiten der Hafenstraße, in der Schanze befand sich damals das Büro der Grün-Alternativen-Liste GAL - von den heutigen Grünen Galaxien entfernt. Als 1987 die Räumung der Häuser der Hafenstraße akut drohte, die Polizei hatte 5000 Beamte aus dem Bundesgebiet samt Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen am Messegelände zusammengezogen, organisierte die linke Szene 24stündige Alarmketten. So verbrachten wir einige Nächte im GAL-Büro, um beim 'Ernstfall' reagieren zu können. Stündlich tauchte in der Straße eine vollbesetzte 'Wanne' (Polizeibus) auf, wir pinnten an die Fenster im ersten Stock in großen Buchstaben unseren 'Gruß' an die Beamten. Glücklicherweise besann sich der Senat eines Besseren, es hätte sonst wochenlange Auseinandersetzungen in der gesamten Stadt gegeben. Wir hatten die illegale Inhaftierung unter offenem Himmel, den sogenannten 'Hamburger Kessel' 1986 nicht vergessen. Damals war nach der Anti-AKW-Demo in Brokdorf einen Tag später eine Protestkundgebung am Heiliggeistfeld stundenlang eingekesselt worden - daraufhin, hatte es eine mit rund 50 000 Teilnehmern starke Demonstration in der Innenstadt gegeben. 

Meine Sightseeing-Tour führte mich am Schanzen-Buchladen und dem Alternativzentrum 'Rote Flora' vorbei - den Laden kannte ich noch als 'Tausend-Töpfe' Markt. Im türkische Imbiss Pamukkale in der Susannenstrasse hing ich beim Adana-Kebab den Gedanken an die alten Zeiten nach. Meine kulinarische Reise durch die Schanze beendete ich am frühen Abend bei Matjes und Bratkartoffeln im 'Frank und Frei' an der Schanzenstraße. Hier konnte ich noch zu Preisen essen,
die in Stuttgart kaum vorstellbar sind - Danke Schanze. Alles ändert sich, aber manches bleibt und das ließ mich enstpannt den Bus 115 Richtung Hallerstraße besteigen. Ich setzte mich auf die Bank hinter dem Fahrer und bemerkte ein Regal mit Büchern - die man mitnehmen, oder auch eigene dort lassen konnte - eine schöne Idee....  

....und am Abend ging ich dann, der Einladung eines Freundes folgend, in ein besonderes 'Etablissement' in der Brüderstraße am Großneumarkt. Dort gibt es den Friseursalon 'Kamm In', der Musikern die Möglichkeit bietet, sich regelmäßig zu 'jamsessions' dort zu treffen. * Man meldet sich vorher an und kann dann mit anderen 30 Minuten im Keller des Salons auf einer kleinen Bühne spielen - manchmal kommen Zuschauer, manchmal sind nur die anderen Musiker da - aber alle waren gut gelaunt und hatten gemeinsam Spaß. 

Als ich den Laden betrat, fühlte ich mich in eine der Alternativ-Kneipen der 1970er Jahre versetzt. Ein Sammelsurium, das teilweise wie Sperrmüll wirkte, schmückte die Räume und dann gab es da wirklich zwei Spiegel mit uralten Trockenhauben, an denen der Chef noch selber die Kunden bediente. Am Eingang konnte man sich an der Theke mit Getränken versorgen, um dann in den Musikkeller hinabzusteigen. Der Modergeruch hier erinnerte mich an die Übungsräume, in denen ich einst mein Schlagzeug bespielt hatte. Meine Mutter meinte immer, wenn ich nach Hause kam, ich würde wie Drakula aus der Gruft riechen. 

Nach ein paar Bierchen, Musik und Klönschnack kam ich auf dem Rückweg am legendären Hamburger Cotton Club vorbei, der viele Jazz-Größen gesehen hat. Mein Heimweg führte mich an der hell beleuchteten Musikhalle vorbei - und sofort kamen mir Erinnerungen an Rock-Konzerte mit Jethro-Tull, Hardin & York, Alan Stivell, Caravan und anderen in den Sinn. Die Diskrepanz zwischen dem Barockstil des Saales und den Rockbands, wie vor allem der wunderbare Sound des großen Saals, machte die Musikhalle zu meinem Lieblingssaal für Konzerte. Hier hatte ich auch als Schüler Anfang der 1970er erstmals ein klassisches Konzert mit großem Orchester gesehen - es gab Smetanas Moldau. Nachdenklich und etwas melancholisch begab ich mich in der Dunkelheit heimwärts.....


* https://www.kamm-in-online.de/