Montag, 28. März 2022

Meine Deutsch-Französische Familie Teil IV


Vorbemerkung:

Alles was ich hier schildere wurde mir von meinen Familienangehörigen erzählt. Natürlich sind solche Berichte nur bedingt dokumentarisch, vor allem, wenn diese Geschichten Jahrzehnte später erzählt wurden und alle Gesprächspartner heute nicht mehr leben. Manches habe ich aus Dokumenten ergänzt, manches mit etwas Phantasie versucht, lebendiger zu illustrieren. Diese deutsch-französische Familiengeschichte ist auch ein Spiegel einer Epoche - von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. 

Copyright: Weder der Text, noch Textpassagen dürfen ohne meine Einwilligung verwendet werden, dies gilt auch für das hier verwendete Fotomaterial. Das Urheberrecht liegt alleine beim Autor.

 

Zeitenwende in Gronau

 

Seit Jahren wütet der Weltkrieg, aber Gronau war von der Front weit entfernt. Für den vierjährigen Heinz ist 1917 spannend, was ihm sein Onkel erzählt. Er sitzt dem Kunstmaler Modell im Matrosenanzug für ein Portrait in Pastellfarben. Damit er ruhig bleibt, erzählt der Onkel dem kleinen Jungen dabei die spannenden Abenteuer der griechischen Helden. Heinz war nicht mehr das einzige Kind im Hause Ressing, denn 1
915 war seine Schwester Käthe geboren worden. 
 
Wer in Gronau in den Krieg musste, wurde zum VII.Armeekorps eingezogen, das am Überfall auf Belgien teilnahm und den gesamten Krieg an der Westfront eingesetzt wurde. Die Ressings in Gronau kamen aber glimpflich davon, denn
Käthe und Heinz
Vater Heinrich war freigestellt, der 31Jährige hatte Krampfadern und galt als untauglich. Dabei dürfte seine Position in der Sparkasse ihn wohl auch vor des 'Kaisers Rock' bewahrt haben. Er wurde auch nicht, wie viele ältere Männer, bei der Verwaltung und Ausbeutung der besetzten Gebiete in Belgien und Frankreich eingesetzt. Heinrich war wichtiger in Gronau, denn er war dort für den Verkauf von Kriegsanleihen verantwortlich und für den immer schwieriger werdenden Zahlungsverkehr. Das Kaiserreich finanzierte die Kriegskosten auf Pump, die Bevölkerung tauschte Devisen, Gold, Silber und andere Wertsachen gegen die Schuldverschreibungen. Diese sollten dann nach einem Sieg die unterlegenen Kriegsgegner bezahlen - so war es Frankreich nach dem Krieg 1870/71 ergangen. Die Republik in Paris musste damals nicht nur das Elsass und Teile Lothringens abtreten, sondern auch eine hohe Summe in Gold zahlen. Damit finanzierte Deutschland seinen Wirtschaftsboom der sogenannten Gründerzeit. Die Höhe dieser Reparationen an das Reich entsprach damals in etwa dem, was Deutschland nach 1918 in Versailles auferlegt wurde.
 
Kinder-Krieg - Heinz rechts 1916
Der Kriegsbeginn im August 1914 ließ die bisher engen wirtschaftlichen Beziehungen Gronaus in die benachbarten Niederlande schlagartig zusammenbrechen. Die Textilfabriken waren vorwiegend mit niederländischem Kapital finanziert, jetzt war das Nachbarland aber neutral. Die Grenzen wurden streng kontrolliert, da man im Kaiserreich fürchtete, dass sich Wehrpflichtige über die Grenze  absetzen könnten. Gleichzeitig wurden die Niederlande von den Entente-Staaten unter Druck gesetzt, sie wollten eine Umgehung der Wirtschaftsblockade Deutschlands über neutrale Staaten unterbinden. In der Folge zogen sie ihr Kapital aus dem Reich ab, in Gronau verloren die meisten der dort arbeitenden 7500 Niederländer ihre Arbeit verließen das Reichsgebiet. Die Textilindustrie in Gronau mit über 1400 Webstühlen brach zusammen. Die Rohstoffe in den Lagern der Fabriken reichten bei Kriegsbeginn gerade für zwei Monate und die Blockade wirkte schnell - Kurzarbeit war die Folge. 
 
Um die Kriegswirtschaft zu organisieren, begann 1915 die zentrale Zwangsbewirtschaftung des Reiches. In der Folge musste die Textilindustrie in Gronau den Betrieb einstellen, vorhandenes Material wurde beschlagnahmt und in die Zentren der Schwerindustrie abtransportiert. Die Textilfabriken in Gronau mussten die Produktion einstellen, bei van Delden hielt man den Betrieb bis Kriegsende mit der Produktion von Nahrungsmittel am Leben. Viele Männer aus Gronau wurden zum Militär eingezogen, Facharbeiter wechselten in die besser bezahlte Kriegsindustrie des Ruhrgebiets. Das führte vir Ort zu einem Mangel an Arbeitskräften, die man durch die Anwerbung aus Schlesien ausgleichen wollte. Dies bekamen auch die bürgerlichen Familien zu spüren, denn viele Frauen die bei ihnen als Haushaltshilfen bschäftigt waren, wechselten in besser entlohnte Jobs in den Fabriken. Sie mussten durch Ungelernte aus dem deutschen Osten ersetzt werden, die oft nur schlecht Deutsch sprachen. Auch die Familie Ressing verlor so ihr langjähriges Dienstmädchen, die durch eine junge Frau aus dem Osten ersetzt wurde. 
 

Der Kaiser flieht vor der Verantwortung 

 
In Gronau erfuhren die Einwohner erst Tage nach der Flucht des Kaisers in die neutralen Niederlande aus der Zeitung davon. Er war in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1918 mit seinem Sonderzug von Belgien in die neutralen Niederlande gefahren, die ihm im Schloss Doorn Exil gewährten.  Mit seiner Flucht reagierte Wilhelm auf die Ausrufung der deutschen Republik am Tag zuvor, seine Hoffnung mit kaisertreuen Soldaten Berlin zurückzuerobern war sinnlos. Nicht nur das Volk, sondern auch die Militärs und Mächtigen im Land wollten Wilhelm loswerden. Durch seine Flucht wollte er einer Gefangennahme und möglichen Auslieferung an die Siegermächte entgehen. Der US-Präsident hatte zuvor seine Abdankung als Vorbedingung für einen Friedensschluss betont. Die Menschen im Reich reagierten auf den Waffenstillstand konsterniert - der Krieg war verloren, das Kaiserreich nach 37 Jahren am Ende und Deutschland  Republik. Alles geschah innerhalb weniger Tage.
 
An einem trüben Novembermorgen wurden Heinz und seine kleine Schwester von Lärm vor ihrem Haus geweckt. In der Ochtruper Straße stand eine große, dampfende  Feldküche, um die Soldaten aus ihren Kochgeschirren Suppe löffelten. Es waren von der belgischen Küste heimkehrende Besatzungssoldaten der Kaiserlichen Marineinfanterie. Frieda Ressing fürchtete sich vor den heruntergekommenen, aber schwer bewaffneten Soldaten. Heinz und Käthe durften die nächsten Tage nicht alleine auf die Strasse. Da die Soldaten aber untergebracht werden mussten, wurden für kurze Zeit drei Soldaten im Haus der Familie Ressing einquartiert. 
 
Erst langsam begriffen die Einwohner, dass 131 Söhne der Stadt für eine verlorene Sache geopfert worden waren - das wollten viele nicht wahrhaben. Aber die Menschen hatten andere Sorgen, als über das Schicksal des Kaisers oder das Ende des Reiches nachzudenken. Mangel, Hunger und Schwarzmarktpreise bestimmten den Alltag. Dabei hatte es bereits während des Krieges Probleme mit Zahlungsmitteln gegeben. Schon vor dem Kriegsende fehlte es an Banknoten, Münzen hatte der Staat schon lange aus dem Verkehr gezogen und durch Papiergeld ersetzt. Ende 1918 musste dann auch die Gemeinde Gronau eigenes Notgeld drucken, sonst wäre die Wirtschaft komplett zusammengebrochen. Heinrich Ressing hatte in der Gronauer Sparkasse viel zu tun. 

Als die ersten Soldaten zurückkehrten, wurden sie, wie im ganzen Reich, von der Bevölkerung wie siegreiche Helden begrüßt. Kaum jemand begriff, dass Deutschland den Krieg an allen Fronten verloren hatte. Bis zum Waffenstillstand hatte die von Zensur gesteuerten Zeitungen schließlich nur über Siege oder geplante 'Frontbegradigungen' berichtet. Am 23.November 1918 wurde in Gronau ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, dazu kam in der ländlichen Region ein Bauernrat. Insgesamt blieb man weiterhinin Gronau konservativ-katholisch. Auch hier galt die Devise: "Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." Über die revolutionären Auseinandersetzungen in Berlin und anderen Städten reagierte man mit Kopfschütteln und Ablehnung. Formal änderte sich manches: In den Amtsstuben verschwanden die Bilder des Kaisers und wurden durch den Reichspräsidenten Ebert ersetzt. Die schwarz-weiß-rote Reichsfahne wechselte zu Schwarz-Rot-Gold. In ihren Herzen blieb aber vor allem das Gronauer Bürgertum, der Kaiserzeit verbunden und so mancher Beamte schimpften über die die neue Fahne verächtlich: 'Schwarz-Rot-Senf'. 

Schon vor dem Krieg hatte es die Arbeiterbewegung in und um Gronau nicht leicht gehabt. Noch 1890 hatte der preußische Landrat persönlich dafür gesorgt, dass ein Sozialdemokrat seinen Arbeitsplatz in einer Fabrik verloren hatte. Die SPD gründete zwar seit 1891 einen Ortsverband, aber im Juli 1894 musste die Partei für eine Wahlkampfveranstaltung in einen Saal in den Niederlanden ausweichen. Widerstand gegen die Zustimmung der SPD im August 1914 zum Krieg - den 'Burgfrieden' - war auch in Gronau kaum spürbar. Die vom Militär nach der Niederlage verbreitete 'Dolchstoßlegende' - vom inneren Feind verraten aber 'im Felde unbesiegt' - glaubten viele Menschen. Die Folgen der Niederlage trafen sie unvorbereitet.....

Der Krieg war vorbei - die Schule begann

Zur Zensur im Kaiserreich siehe auch: https://medienfresser.blogspot.com/2014/06/erster-weltkrieg-medienkrieg-teil-1.html


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