Umzingelt von Touristen setzte ich mich an den Landungsbrücken auf das Oberdeck der Fähre nach Finkenwerder. Es ist zwar kühl und windig, aber so kann ich das Elbpanorama genießen. Diese Verbindung ist bei Besuchern sehr beliebt, wer dagegen die Fähre benutzt, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen, ist oft genervt von den Touries. Die Fahrt ist billig - Nahverkehrstarif statt teure Hafenrundfahrt - und sie bietet das Elb-Ambiente von den Landungsbrücken, entlang der Werft von Blohm & Voss, am Fischmarkt, dem Fischereihafen vorbei bis nach Altona und Övelgönne und von dort zum Anleger Finkenwerder - und zurück. Zuerst konnte ich die Fähre nicht finden, denn sie sah eher wie ein schwimmender Poton mit Aufbauten aus und nicht wie ein Schiff. Zu meiner Jugendzeit fuhren hier grüne etwas plump wirkende Pötte der HADAG, ähnlich den behäbigen Koggen aus der Zeit Störtebekers. Nun ja, zum Glück erkannte ich kurz vor dem Ablegen, dass dieses Gefährt eine Fähre ist und stieg auf das offene Oberdeck. Und dann der Schock: Neben mich setzte sich eine Gruppe laut schwätzender Schwaben....
Auf dem Rückweg stieg ich an der Haltestelle Fischmarkt aus, denn ich wollte hinauf zu den Häusern der Hafenstraße und zur Reeperbahn zu Fuß gehen. Jeden Sonntag früh am Morgen gaben sich am Fischmarkt Touristen, Nachtschwärmer und andere Besucher hier ein quirliges Stelldichein. Dabei konnte man auch direkt am Anleger von den Kuttern frischen Fisch kaufen. Bekannt wurde der Fischmarkt für seine Marktschreier - etwa 'Aale-Dieter', der lautstark seine Ware ausrief, oder dem Konkurrenten, der stimmgewaltig seine Südfrüchte anbot. Damals war der Verkauf lebender Tiere erlaubt und so manch alkoholisierter Besucher des Nachtlebens
Museumshafen mit alten Schleppern |
An diesem kühlen und wolkigen Nachmittag wirkte der leere Platz viel kleiner als in meiner Erinnerung. Die alten Häuser am Rand waren saniert worden, man hatte neue Wohnhäuser gebaut - es wirkte alles aufgeräumt und modern. Schräge Kneipen wie 'Erna Fick' - die Kaschemme hieß wirklich so - sind verschwunden. Aber es gibt noch einige Traditionslokale, in denen damals bei Akkordeonmusik die Besucher früh am Sonntag ein deftiges Frühstück mit Spiegelei und Bratkartoffeln samt Korn und Bier zu sich nahmen. Gegen Mittag verwandelten sich dann diese Etablissements flugs in gutbürgerliche Speiselokale, mit Kellnern im weißen Hemd, gestärkten Tischdecken und Tellern, Besteck und Stoffservietten. Ab 12 Uhr kamen die ersten Familien zum Mitagessen, gab es doch vor allem frischen Fang direkt vom Fischereihafen. Andere kauften ihn lieber direkt vom Fischer, der sie direkt an Bord für die Kunden ausnahm, was die kreischend umherfliegenden Möven freute.
Manche Leute schwärmen ja von der Reeperbahn, für mich war der Kiez in meiner Jugend nicht besonders anziehend. Mitte der 1970er Jahre ging ich mit einem Freund zum Hans-Albers-Platz, denn hier gab es einen ziemlich bizarren unterirdischen Flohmarkt. In den Katakomben gab es so ziemlich alles, was einst Seeleute von ihren Reisen mitgebracht hatten. Vom Schrumpfkopf bis zur
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Bücher im HVV Bus 115 |
'Rote Flora' im Schanzenviertel |
Hier war einst im 1. Stock die GAL-Geschäftsstelle |
die in Stuttgart kaum vorstellbar sind - Danke Schanze. Alles ändert sich, aber manches bleibt und das ließ mich enstpannt den Bus 115 Richtung Hallerstraße besteigen. Ich setzte mich auf die Bank hinter dem Fahrer und bemerkte ein Regal mit Büchern - die man mitnehmen, oder auch eigene dort lassen konnte - eine schöne Idee....
Als ich den Laden betrat, fühlte ich mich in eine der Alternativ-Kneipen der 1970er Jahre versetzt. Ein Sammelsurium, das teilweise wie Sperrmüll wirkte, schmückte die Räume und dann gab es da wirklich zwei Spiegel mit uralten Trockenhauben, an denen der Chef noch selber die Kunden bediente. Am Eingang konnte man sich an der Theke mit Getränken versorgen, um dann in den Musikkeller hinabzusteigen. Der Modergeruch hier erinnerte mich an die Übungsräume, in denen ich einst mein Schlagzeug bespielt hatte. Meine Mutter meinte immer, wenn ich nach Hause kam, ich würde wie Drakula aus der Gruft riechen.
Nach ein paar Bierchen, Musik und Klönschnack kam ich auf dem Rückweg am legendären Hamburger Cotton Club vorbei, der viele Jazz-Größen gesehen hat. Mein Heimweg führte mich an der hell beleuchteten Musikhalle vorbei - und sofort kamen mir Erinnerungen an Rock-Konzerte mit Jethro-Tull, Hardin & York, Alan Stivell, Caravan und anderen in den Sinn. Die Diskrepanz zwischen dem Barockstil des Saales und den Rockbands, wie vor allem der wunderbare Sound des großen Saals, machte die Musikhalle zu meinem Lieblingssaal für Konzerte. Hier hatte ich auch als Schüler Anfang der 1970er erstmals ein klassisches Konzert mit großem Orchester gesehen - es gab Smetanas Moldau. Nachdenklich und etwas melancholisch begab ich mich in der Dunkelheit heimwärts.....
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